Zitate des Monats
Heft 699 · Juli 2007

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Aus dem Juliheft 2007, Nr. 699

Und was ist gegen den Einwand zu sagen, diese Kritik an der Kulturkritik sei selbst kulturkritisch? Warum ist das nicht so? Die leer gewordene oder abgegoltene Kulturkritik bestand ja darin, daß sie die Wirklichkeit noch immer im Namen eines normativ gesetzten Ideals kritisierte. Mochte das schon im Falle von Rousseau und dann im Falle von Marx höchst zweifelhaft sein, weil diese utopisch geträumte Normen einführten – sei es die Korruption einer ursprünglichen Natur, sei es die Entfremdung von ihr –, so liegen die Zweifel gegenüber ihren modernen Erben deutlich auf der Hand. Man muß hinzufügen, daß Kulturkritik vor allem eine deutsche Spezialität wurde. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, daß die deutsche Gesellschaft in den kleinen Duodezstaaten keine wirklichen Objekte politischer Betätigung, geschweige imperialer Selbstdarstellung fand. Während die Engländer Geschichte machten, betrieben die Deutschen Geschichtsphilosophie. Diese Differenz zwischen Wirklichkeit und Abstraktion von ihr führte in der konventionellen Kulturkritik zum Ressentiment: nämlich dem Ressentiment gegen Wirklichkeit selbst, weil man immer eine andere "höhere" Wirklichkeit gegen sie anführte, die Welt hinter der Welt. Die hier angewandte Kritik an der Kulturkritik bezieht sich aber nicht auf ein solches "anderes" Kriterium, sondern auf das gedankliche Defizit der Kulturkritik selbst: eben seine vage Transzendenz. Die Kritik an ihr bleibt dagegen immanent. Damit komme ich auf die beiden erwähnten Beispiele aktueller Unabhängigkeit des Denkens zurück: Barthes´ Alltag und Rortys Ironie. Gewiß, beide Bücher sind inzwischen für jede fortgeschrittene intellektuelle Auseinandersetzung so verinnerlicht worden, daß es nicht viel bringt, sie hier noch einmal hermeneutisch abzuklopfen und das zu Tage kommende intellektuelle Feuer neu zu entfachen. Ich empfinde aber, daß die von ihnen praktizierte induktive Methode die Praxis unabhängigen Denkens befördern könnte. Die Ethnologie erfand ja den Terminus "dichte Beschreibung". Obwohl ich andere Konsequenzen, die vor allem die zeitgenössische Kulturtheorie zog, äußerst unsympathisch finde, kann man mit dem Begriff einer Beschreibung, die dicht sein soll, wirklich etwas anfangen, wenn man unabhängig denken und sich ausdrücken will. Was haben Montaigne und Friedrich Schlegel anderes getan als eben dies? Sie haben nicht aus Prinzipien abgeleitet, sondern Welt und Kunst phänomenologisch beschrieben. Und wir sind in der glücklichen Situation, daß man sie ja vergessen hat, daß eigentlich ihr ganzer Denktypus gerade in der Kulturkritik nicht wiederholt wurde. Konsequent in diesem Kontext sollte man also Montaignes und Schlegels Ideen nicht essayistisch wiederholen, aber man könnte sich systematisch von ihrer induktiven Denkform anregen lassen. Am konsequentesten können das Dichter mit intellektuellem Glutkern tun, solche, auf die Nietzsches Verdikt des falschen Poetischen zutrifft: Dichter wie Robert Musil, Franz Kafka oder Samuel Beckett. Wahrscheinlich haben auch Jean-Paul Sartres Drama Die Fliegen und sein Roman Der Ekel mehr zur Erkenntnis der modernen Welt beigetragen als seine philosophischen Schriften. Denn solche Dichtungen stellen eine Erkenntnisform dar, die in der dichten Beschreibung aus dem dargestellten Phänomen die Funken einer wahrgenommenen Struktur schlägt. Wir anderen aber, die wir keine Dichter sind, sind dennoch an das gleiche Verfahren gehalten, sollten wir noch einmal unabhängig zu denken versuchen. Nur aus der unbekümmerten, selbstbewußten Konzentration auf das, was zu beschreiben ist, kommt der genuine Einfall, der das intellektuelle Gerede und die konkurrierende Meinung beiseite läßt. Und damit sind wir am springenden Punkt: Man kann die falschen eingefahrenen Wege meiden, man kann sogar das eine oder andere Elixier der Montaigne oder Schlegel, Koselleck, Barthes oder Rorty benutzen, aber den Einfall kann man nicht lernen. Er ist das Unabhängige selbst, das Plötzliche. Was heißt das aber konkret? Es heißt – um es paradox zu sagen –, daß man Gedanken überhaupt vermeiden muß. Eine von Nietzsches Notizen zum guten Stil enthielt die Empfehlung: auf keinen Fall Gedanken! Was diese Frivolität meinte, war, daß der Gedanke, der schon als Gedanke paradiert – und das tut natürlich der gewöhnliche Gedanke –, nichts taugt, weil er absehbar und verbraucht ist. Der interessante, neue Gedanke, so wäre fortzuführen, entspringt einer überraschenden Sprache, die ihn nicht sofort zu erkennen gibt. Daher ist er "plötzlich". Das hat nichts mit Gesuchtheit des Stils zu tun, sondern mit einem einfachen Prinzip. Gedanken zu vermeiden, erreicht man am besten durch zwei Vorsichtsmaßnahmen: Keine generelle, im Diskurs schwebende Thematik berühren! Keine Sinnfragen stellen, was die erste Maßnahme schon begünstigt. Das Innovatorische an Montaigne, Friedrich Schlegel und Nietzsche war ja, daß sie Sinnfragen durch Formfragen ersetzten. Dem wäre nachzustreben.

Karl Heinz Bohrer, Was heißt unabhängig denken?

Wer noch nie etwas vom Wörlitzer Gartenreich gehört hätte und es also völlig unvorbereitet beträte, der würde bei dieser ersten Bekanntschaft gleichwohl die zauberische Erfahrung plötzlichen Wiedererkennens machen – wenn er nur ein paar der großen Romane der klassischen deutschen Kunstperiode im Kopf hätte: Jean Pauls Titan, Goethes Wahlverwandtschaften, die Wanderjahre. Die symbolisch durchwirkte Kunstnatur dieser Bücher steht dem Besucher von Wörlitz leibhaftig vor Augen, wie aus einem Traum heraufgeholt in die greifbare Wirklichkeit. Dabei sind es nicht so sehr die als Zitate erkennbaren Einzelheiten – man entdeckt unversehens die Grabinsel Rousseaus, ein kleines Pantheon, einen Vesuv en miniature, ein gotisches Haus, das sich vorne venezianisch, rückseitig englisch zeigt, ja sogar ein veritables Weißes Haus –, denen dieser Anamnesiseffekt geschuldet ist, vielmehr beruht er auf der Zeichensprache einer literarisch überformten Landschaft insgesamt, die auf jedem Schritt mit jedem wechselnden Blick eine neue Bedeutung freisetzt. Goethes Landschaftsbeschreibungen kennen das charakterisierende Wort "bedeutend", und "bedeutend" ist der ganze Wörlitzer Garten; daß man ihn lesen kann wie ein Buch, ist ausnahmsweise keine leichtfertige Metapher. Zwischen Weimar mit seinen um einen erstarrenden Hof kreisenden gelehrten Einsamkeiten und der quirligen adelig-bürgerlichen Berliner Salonkultur liegt Wörlitz um 1800 als etwas Drittes. Hier gingen Kunst und Landschaft, Empfindsamkeit und Aufklärung, Pädagogik und Spiel, fürstliches Mäzenatentum und bürgerliches Glücksstreben, das Schöne und das Nützliche überraschend harmonische Verbindungen ein. Wem dieses Wunder zu verdanken ist, das steht außerhalb der anhaltinischen Gebiete kaum jemandem vor Augen. Leopold Friedrich Franz, Fürst, später Herzog von Anhalt-Dessau, ist einer der unbekanntesten deutschen Regenten; während es mehrere gründliche Biographien von Goethes Herzog Carl August gibt, wissen wir bis heute nur wenig über den politischen Hintergrund des einzigartigen und vielsinnigen Gesamtkunstwerks Wörlitz.

Gustav Seibt, Der Fürst im Gartenreich

Das Journal ist nicht deshalb eine Schatzkammer, weil die Goncourts eine Menge berühmter Leute kannten oder weil sie immer präsent waren, wenn Geschichte gemacht wurde, sondern weil sie es verstanden, über die schimmernde Oberfläche der Dinge in Entzücken zu geraten, Gefallen zu finden an der flüchtigsten Geste oder der beiläufigsten Klatschgeschichte. Wie der Erzähler von Prousts À la recherche du temps perdu feststellt, als er einige Seiten des Journals der Goncourts liest: Es "lehrt uns, den Wert des Lebens höher anzusetzen". Jules und Edmond waren Connaisseurs, die einen Bedarf an Fakten und Objekten weckten, die zuvor als belanglos galten. Ohne sie wäre das Paris des späten 19. Jahrhunderts wohl leerer und ferner. Sie stopften ihr Journal voll mit authentischen Bruchstücken des täglichen Lebens, die zu sammeln niemand sonst sich die Mühe gemacht hätte. Als eines der großen Ereignisse des Jahrhunderts stattfand – die Pariser Weltausstellung im Jahre 1889, wo Hunderte von Reportern dieselben Ausstellungsstücke beschrieben und Fotos von denselben Szenen mit Menschenmassen machten –, blieb Edmond de Goncourt zu Hause, arrangierte sein Nest, wie ein Romancier eine Szene entwirft, und hielt den kostbaren Augenblick in seinem Tagebuch fest: "Vor mir ein Teller mit Erdbeeren. Neben dem Teller, in einem Flakon aus Bergkristall, eine Rosenknospe der Sorte Richardson, gelb und weißgerändert. Oben erwarten mich in meinem abgedunkelten Schlafzimmer ein Glas Cognac Martell und mein Bett, aufgedeckt für eine Siesta leichten und verschwommenen Schlafes. Und tief in meinem Innern das Gefühl einer unaussprechlichen Verachtung für all die draußen ablaufende trudelnde Aktivität – die Droschken, die Omnibusse, die Rollwagen, die Straßenbahnen und die Karren, die die Leute zur Ausstellung bringen."

Graham Robb, Schätze der Eitelkeit

Kenan Malik: Es tut mir leid. Ich sage das noch einmal. Es tut mir leid. Und noch einmal. Und noch einmal. Entschuldigungen sind in Mode. Von Bill Clinton, der wegen der amerikanischen Politik in Ruanda und El Salvador um Entschuldigung bittet, bis zu Papst Johannes Paul II., der wegen der Kreuzzüge um Vergebung bittet, lassen sich heutzutage nur wenige politische oder religiöse Führer die Gelegenheit entgehen, Reue für vergangenes Unrecht zu bekunden. Als sich Tony Blair im März dieses Jahres bei den Feierlichkeiten zur Abschaffung des Sklavenhandels nur zu einem "Bedauern" für Englands Beteiligung am Sklavenhandel aufraffte, sah er sich heftiger Kritik ausgesetzt. Dagegen erntete der Erzbischof von Canterbury Lob für seine rückhaltlosere Entschuldigung im Namen der anglikanischen Kirche. Aber dient all diese Zerknirschung wirklich irgendeinem guten Zweck?

David Cesarani: Greueltaten der Vergangenheit bestimmen unsere Sicht von Menschen in der Gegenwart mit. Ich denke also, daß es immer noch wichtig ist, solche Entschuldigungen vorzutragen, ganz unabhängig davon, wie weit diese Ereignisse zeitlich zurückliegen.

Anthony Grayling: Ich finde, "Es tut mir leid" gehört zu den Dingen, die sich am leichtesten sagen. Es ist irgendwie billig, es fällt einem leicht. Man kann es aussprechen und meint dann, daß einen das freigesprochen oder entlastet hat, und das ist ein Irrtum.

Kenan Malik und andere, Es tut mir leid

In der Ästhetik und Kunsttheorie erfährt der Begriff der "Präsenz" in diesen Tagen eine auffällige Renaissance. Galt Präsenz – die Sache wie ihr Begriff – im dekonstruktiven Milieu am Ende des vorigen Jahrhunderts als ein Inbegriff der Illusionen abendländischer Metaphysik, so wächst heute das Bewußtsein, daß es ohne eine Rehabilitierung dieses Phänomens vor allem im Bereich der Ästhetik nicht geht. Mehr noch: Präsenz erscheint in den jüngsten Theorien geradezu als die Pointe der ästhetischen Praxis und ihrer Theorie. Damit verbunden freilich ist eine Neuformulierung des Begriffs, die es nicht bei den Klischees der seinerzeit modischen Präsenzkritik beläßt. Dort war Präsenz eine Fanfare der kognitiven wie technischen Beherrschung und Bemächtigung der Welt einschließlich der Rede über sie, die im Fahrwasser Heideggers, Adornos und Derridas auf ihre Dissonanzen hin abgehört wurde. Heute dagegen steht "Präsenz" für Kontingenz, Augenblicklichkeit und Unverfügbarkeit – für eine Ereignishaftigkeit des Erscheinenden, das begrifflich weder gesichert werden kann noch gesichert werden soll. Einen entscheidenden Anstoß für diese Umbesetzung lieferte ein Buch von Hans Ulrich Gumbrecht, das im Obertitel des englischen Originals aus dem Jahr 2004 Aufklärung über Production of Presence verspricht und im Untertitel die programmatische Formel enthält: What Meaning Cannot Convey. Im Eifer des Gefechts ist es jedoch hier und in der nachfolgenden Diskussion gelegentlich bei einer bloßen Umkehr der Vorzeichen geblieben, die ein Festschreiben unglücklicher Polaritäten zur Folge hatte, bei der man es nicht belassen sollte. Philosophie ist nun einmal im Kern eine Kritik falscher Alternativen des Denkens, die sich auch im Feld der Ästhetik nicht mit dem schönen Schein zufrieden geben sollte. Bei aller Liebe für das neue Präsenzdenken muß die Frage erlaubt sein, ob die Opposition zwischen einer Cartesischen "Sinnkultur" und einer Heideggerianischen "Präsenzkultur", die Gumbrechts Betrachtungen beherrscht, bereits der Weisheit letzter Schluß sein kann.

Martin Seel, Über den kulturellen Sinn ästhetischer Gegenwart

Es wird schnell politisch in den Debatten der amerikanischen Lyrik. Verfechter des "freien Verse" werfen ihren metrisch schreibenden Kollegen vor, in der Welt Ronald Reagans steckengeblieben zu sein. Wer jambische Pentameter produziert, exportiert auch Waffen in die Dritte Welt und rottet die Eisbären aus. Gemeint sind Vertreter des New Formalism, einer losen, wachsenden Gruppe von Dichtern, die davon überzeugt ist, daß im Metrum menschliche Erfahrungen zum Tragen kommen, die im freien Vers unberücksichtigt bleiben. Einmal jährlich treffen sie sich an der West Chester University in Pennsylvania zu Lesungen, Diskussionen und Workshops. Dick Davis, ein aus England stammender Dichter, Übersetzer und Professor für Persisch, bringt den Geist dieser Tagung auf den Punkt: "Wenn es nicht metrisch ist, ist es keine Dichtung." Solche Entschiedenheit und Leidenschaft im Umgang mit den Formen der Dichtung vermißt man in Deutschland. Die Metrik führt seit Jahrzehnten ein Schattendasein. Ob die Debatte in der Linguistik gerade etwas rascher oder eher träger verläuft, scheint die literarische (lesende, dichtende oder kritisierende) Öffentlichkeit kaum zu interessieren. Dabei fördert etwa der Sprachwissenschaftler Christoph Küper im Grenzgebiet zwischen Metrik und Semiotik schon seit geraumer Zeit bemerkenswerte Erkenntnisse zutage. Die verbreiteten literaturwissenschaftlichen Wörterbücher referieren freilich weiterhin entweder pflichtgemäß die von Opitz anno 1624 etablierten Versfußformen, oder sie schweigen sich aus. Dagegen geht es in den USA hart zur Sache. Provokationen gibt es auf beiden Seiten, und das führt dazu, daß Dichtung wieder beachtet wird. Die spektakuläre Summe von zweihundert Millionen Dollar, die eine Philanthropin der Poetry Foundation im Jahre 2003 gespendet hat, ermöglichte der mit dieser Stiftung verbundenen Zeitschrift Poetry, eine Kampagne zu starten, durch die Dichtung in Schulen, im Internet und in städtischen Kultureinrichtungen überall in Amerika wieder hörbarer geworden ist. Zahlreiche Autoren von Poetry gehören zu den Neuen Formalisten.

Christophe Fricker, Für Metrum und Blankvers!

Am 21. Februar vor einhundert Jahren wurde in York Wystan Hugh Auden geboren – für den harten Kern seiner weltweiten Lesergemeinde ein willkommener Anlaß, sich an diesem Tag ab 17.55 Uhr der Zubereitung eines sehr trockenen und sehr kalten Martinis zu widmen, um ihn Schlag 18 Uhr im Angedenken und zum Ruhm eines Giganten der englischen Literatur zu leeren. Wobei es ganz entscheidend auf die Pünktlichkeit ankommt. Wie schrieb Auden doch über sich selbst in einer autobiographischen Skizze: "So obsessive a ritualist / a pleasant surprise / makes him cross. / Without a watch / he would never know when / to feel hungry or horny." Wie viele andere junge Studenten meiner Generation in Oxford (wo Auden Professor of Poetry war, als ich mich immatrikulierte) kannte ich ihn flüchtig und aß ein paarmal in seiner Gesellschaft zu Abend. Er war früh gealtert, hatte begonnen, sich zu wiederholen und war – das geschriebene Wort immer ausgenommen – ein ziemlicher Langweiler geworden. Wie sein Freund und Zeitgenosse John Betjeman hatte er sich längst eine Maske zugelegt – in seinem Fall die eines etwas wunderlichen Landpfarrers –, aber er fand aus dieser Rolle nicht mehr heraus. Beharrlich brummte er seltsame Mantras – "Yeats entsprach nicht meiner Vorstellung von einem Gentleman"; oder: "Ins Waschbecken zu pinkeln, ist ein männliches Privileg" – und roch dabei wie ein überreifer Käse. Und doch war es unmöglich, auch nur eine Sekunde lang an seinem Genie zu zweifeln.

Grey Gowrie, Glockengeläut für St. Wystan

Die Mafia regiert China recht effizient, warum also sollte man sich darüber Sorgen machen, wie dies geschieht und welche "Nebenwirkungen" das hat? Wir wissen natürlich von den Arbeitslagern, in denen Menschen ohne richterliche Überprüfung verschwinden, von den Folterungen durch Agenten der staatlichen Sicherheitsorgane und von der Vorgehensweise gegen Falun Gong, fahren aber lieber mit unserer sterilisierten Forschung und Lehre fort. Wir ignorieren, daß das politische System Chinas verantwortlich ist für dreißig Millionen Hungertote während des Großen Sprungs vorwärts und zwischen 750 000 und 1,5 Millionen Ermordete während der Kulturrevolution. Was könnte die westlichen Akademiker dazu bringen, innezuhalten und darüber nachzudenken, mit wem sie da das Bett teilen? Wer außer den Akademikern sollte das tun? Nicht die Weltbank und andere internationale Organisationen, denn sie profitieren von ihren Beziehungen zu China. Ihre Bankbeziehungen sind auf einvernehmliche Zusammenarbeit mit der Partei angewiesen, und es ist eine De-facto-Voraussetzung für ihre Forschungszusammenarbeit, daß der Schlußbericht und die öffentlichen Stellungnahmen von den Parteizensoren akzeptiert werden. Die Forschungsabteilungen westlicher Investmentbanken werden es auch nicht tun, denn die anderen Zweige der Bank sind wahrscheinlich abhängig von dem Geschäft mit China. Ist all das wichtig? Ist es wichtig, wenn Chinaforscher den politischen Kontext, innerhalb dessen sie arbeiten, und die politischen Zwänge, die ihre Arbeit beeinflussen, ignorieren? Ist es wichtig, wenn wir China dem Westen gegenüber so darstellen, wie die Parteiführung es von uns will, beschränkte Antworten auf unsere selbstzensierten Forschungsfragen gebend und ein blütenweißes Bild von Chinas politischem System zeichnend? Die chinesische Wirtschaft wird – an der Kaufkraft gemessen – im Jahre 2008 oder 2009 größer sein als die der USA. China ist ein Land, mit dem die Wirtschaft der westlichen Länder zunehmend verflochten ist: Ein Viertel der chinesischen Industrie ist in ausländischem Besitz, und wir sind auf billige Konsumgüter der chinesischen Industrie angewiesen. Letzten Endes hängen unsere Pensionsgelder, investiert in multinationale Unternehmen, die zunehmend in China produzieren, von dem kontinuierlichen Wachstum Chinas ab. Aber versteht der Westen dieses Land und seine Herrscher? Zu welchem Zeitpunkt und durch welche Kanäle wird die Parteiführung mit ihrer ganz unterschiedlichen Auffassung von Menschen- und Bürgerrechten die von uns gewollte politische Ordnung und politische Freiheit im Westen beeinflussen (wie sie bereits die akademische Forschung und Lehre beeinflußte)? Und in welchem Maße machen sich die Chinaforscher schuldig, ihre eigene Reisschale über verantwortungsbewußtes Denken und gewissenhafte Lehre zu stellen?

Carsten A. Holz, Im Bett mit der Mafia

Für diesen mild-sonnigen Ostersonntag haben mich Bekannte zum Gottesdienst in ihre Gemeinde, The First Presbyterian Church of Palo Alto, eingeladen. Die Geste widerspricht nach hiesigen Konventionen kaum der freundschaftlichen Distanz zwischen unseren Familien, und das etwas rätselhafte "First" im Namen der Kirche ist nicht mehr als das Ältestenrecht der in einer jeden Stadt zuerst gegründeten presbyterianischen Gemeinde. Für Palo Alto, eine wohlhabende Kleinstadt mit 60 000 Einwohnern südlich von San Francisco und im Norden von Silicon Valley, ist es bei dieser einen Presbyterian Church geblieben. "Presbyterian", habe ich mir angelesen, sind Gemeinden, welche historisch von Calvins Theologie der Prädestinationslehre und der Realpräsenz Gottes geformt waren, aber auf ihrem Weg über England in die Vereinigten Staaten durch mehrfache Wellen geistlicher Reform, zuletzt mit einer energischen Öffnung gegenüber allen Minderheiten, besonders gegenüber den Kulturen der Homosexualität, zu Positionen bemerkenswerter religiöser wie politischer Liberalität gelangt sind (mit individuellen Gemeindeausnahmen ist immer zu rechnen). Ich parke meinen Wagen, der ungewaschen und alt am Straßenrand sehr sichtbar bleibt, und finde heraus, daß die Freunde noch nicht angekommen sind. Im Vorraum des Kirchengebäudes steht hinter einem Tisch voll von Broschüren eine Frau, deren sorgsam faltige Miene zusammen mit der unbefleckbaren Sonntagsbluse alle Kriterien meines Lehrerinnenstereotyps erfüllt und die durch ein himmelblaues Plastikschildchen auf der Bluse als "Greeter" ausgewiesen ist. Sie grüßt mich rollenkonform mit einer vom Ton der Hotelrezeptionen mild unterschiedenen Höflichkeit, die jedenfalls nicht in missionarisches Werben übergehen soll. Nein, Margaret und Ernie habe sie noch nicht gesehen, sagt Rose, die Begrüßerin, aber sie freue sich doch, daß ich zum Gottesdienst gekommen sei ("that you came to worship with us"). Zwanglos läßt sie mich dann in der mir fremden Welt eines allgemeinen österlichen Wohlwollens stehen, wo Großeltern ihre Enkelkinder auf die Wange küssen und Damen um die sechzig wie routinierte Hebammen die erstaunlich vielen Neugeborenen in Augenschein nehmen. Alle spüren, daß ich ein Fremder bin und wollen um so freundlicher sein, ohne mir doch – im ganz wörtlichen Sinn – zu nahe zu treten. Ich beschließe, nicht aus Höflichkeit um Lektürematerial zu bitten, denn das könnte mich am Ende doch zum Missionsfall machen.

Hans Ulrich Gumbrecht, Americana (II)

Monsieur Mbaye ist eine imponierende Erscheinung. Zur Vorbesprechung am Donnerstagnachmittag erscheint er in einem glänzend hellblauen, mit Silberstickereien verzierten Boubou mit zugehöriger Kopfbedeckung, feinen, ebenfalls silberbestickten Pantoffeln, dazu einer etwas abgewetzten Lederaktentasche. Ihn Elektriker zu nennen, wäre abwegig, er ist viel mehr: Unternehmer, Firmeninhaber, ein "grand patron". Sein Schwager habe ihn mit dem Auto abgesetzt, eröffnet er das Gespräch. Wir gehen ins Wohnzimmer, setzen uns an den großen Tisch. Monsieur Mbaye freut sich sichtlich, daß es Kaffee gibt und nimmt fünf Stück Zucker. Wir tauschen die üblichen Grußfloskeln, die rituellen Wechselfragen nach Familie, Beruf, Haustieren, dann ein paar Takte über Weltpolitik, mündend in den Lobpreis der großen Vorzüge der Nation des Gegenübers. Was es denn zu tun gebe, fragt der Gast, der auf Empfehlung deutscher Landsleute in das Haus des Neuankömmlings gekommen ist. Nicht wenig, denn in der frisch bezogenen Villa eines französischen Kolonialoffiziers in Dakar sind die elektrischen Installationen vielfach noch aus dem Baujahr 1938. Also müssen die durchaus lebensgefährlichen Hilfskonstruktionen und Flickereien der vergangenen fast sechs Jahrzehnte erneuert werden. Monsieur Mbaye, ganz Fachmann, entnimmt der Aktentasche einen abgegriffenen Spiralblock, Kugelschreiber und seine voluminöse Brille, Typ Kassengestell siebziger Jahre, klappt diese umständlich auf und schiebt sie auf die Nase. Während des Hausrundgangs macht er eifrig Notizen, und dann, wieder am Tisch, darf ich ihm beim fachgerechten Zeichnen bildschöner Schaltpläne zuschauen, die anzufertigen er wohl als Lehrjunge eines französischen Handwerkers in den fünfziger Jahren gelernt hat. Keine Frage, mein Gast ist ein Profi. Die Sache dauert, der Würfelzucker geht zur Neige, schließlich aber kommen wir zum Ende. Eine umfangreiche Materialliste ist erstellt, das Budget verhandelt. Zum Schluß noch die Frage, ob es schnell gehen solle – dann nämlich könne man mit entsprechender Personalstärke den Auftrag schon am Wochenende erledigen, was natürlich koste. Ja, es soll schnell gehen, damit bei Rückkunft der Familie am Dienstag alles fertig ist. Wir verabreden uns für Samstagmorgen und, natürlich, der nicht eben geringe Vorschuß für die Materialbeschaffung wird übergeben. Morgen will Monsieur Mbaye einkaufen gehen, seine flüssigen Mittel, so gesteht er leicht verlegen, erlaubten ihm nicht, in Vorlage zu treten. Wir verabschieden uns formell, der stattliche Mann klappt seine dicke Brille zusammen und reicht mir, fast einen Kopf größer, fröhlich lachend die Hand hinab zum Abschied, "Au revoir, Monsieur". Er verschwindet zu Fuß durchs Tor hinter der vier Meter hohen, in sechs Farben blühenden Bougainvillea-Hecke, die so alt ist wie das Haus. Samstagmorgen, pünktlich zur verabredeten Zeit, ist Monsieur Mbaye wieder zur Stelle. Diesmal hat er ein Taxi genommen, schon allein um das Material und diverse Werkzeugkisten anzufahren. Mit ihm, ich kann mein Erstaunen kaum verbergen, sage und schreibe elf Mann, eine ganze Fußballmannschaft aus Handwerkern, Helfern und Handlangern, vom älteren Fachelektriker, der mir in den kommenden zwei Tagen immer wieder dadurch imponieren wird, daß er das Anliegen von 220 Volt Spannung mit befeuchteten Fingern prüft, bis zum zwölfjährigen Laufburschen, dessen alleinige Aufgabe es ist, Essen zu holen.

Berthold Franke, Monsieur Mbaye will nicht reich werden

 
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Robert Spaemann:
Schritte über uns hinaus
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  Gesammelte Reden und Aufsätze I

60 Jahre philosophische Essayistik des bedeutendsten lebenden, konservativen Philosophen

Die moderne Weltanschauung ihrer inneren Widersprüchlichkeit zu überführen, ist ein Leitmotiv des Philosophierens von Robert Spaemann. »Wir tun niemals einen Schritt über uns hinaus«, charakterisierte David Hume pointiert die »moderne Weltanschauung«. Meisterhaft entfaltet Robert Spaemann die Schattenseite dieser Geisteshaltung, wenn sie konsequent umgesetzt wird.

(Klett-Cotta)
EUR [D] 29,90

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