|
Zitate des Monats
Heft 692 · Dezember 2006
zur Heftanzeige
Aus dem Dezemberheft 2006, Nr. 692 Nach einem "Dogma der internationalen Gerechtigkeitsdebatte" gilt die Verteilungsgerechtigkeit als der exklusive Kern der Gerechtigkeit und bezieht sich die Verteilung nicht auf die Anfangsbedingungen, sondern auf das jeweilige Ergebnis. Die Annahme, es gebe eine vorgegebene Menge von Ressourcen, die auf alle Staaten möglichst gleich zu verteilen sind, übersieht aber, daß das zu Verteilende großenteils erarbeitet werden muß. Infolgedessen ist man für die gegebene Situation zwar nicht allein-, aber doch mitverantwortlich. Im Verdrängen dieser Mitverantwortung wiederholt sich auf der einen Seite der genannte moralische Paternalismus, und auf der anderen Seite liegt ein Freifahrtschein für Fehlverhalten. Die Alternative: Nicht der gegenwärtige Stand der Verteilung ist entscheidend, sondern eine Verbindung der originären Verteilung mit der seitherigen Eigenleistung; zusätzlich kommt es auf die Korrektur von Unrecht an. Während sich die originäre Verteilung im Dunkel der Vorgeschichte verliert, konnten sich seither die Menschen an ihre äußeren Bedingungen anpassen. Durch eigene Leistungen, etwa ihre Arbeits- und Sozialkultur einschließlich ihrer Bevölkerungsentwicklung, vermochten sie selbst unter extremen Naturgegebenheiten für ein erträgliches Auskommen zu sorgen: Eskimos finden sich in der Arktis zurecht, Beduinen in Wüsten und Tibetaner auf dem Dach der Welt. Vom Standpunkt der Gerechtigkeit sind daher die einzelnen Gemeinwesen zunächst einmal als selbstverantwortlich anzusehen. Auch wenn es hart klingt, ist ihnen gegebenenfalls ein Politikversagen vorzuwerfen. Und tatsächlich gibt es das: etwa die Vernachlässigung ländlicher Entwicklung, die Bevorzugung der Großgrundbesitzer und Großhändler vor den Kleinbauern und Kleinhändlern und die Förderung wenig sinnvoller Prestigeobjekte. Mitverantwortlich sind auch geringe Einkommens- und Vermögenssteuern für die Reichen, ferner eine weitverbreitete Mißwirtschaft und Korruption, nicht zuletzt das Bevölkerungswachstum. Otfried Höffe, Gerechtigkeit in Zeiten der Globalisierung Kein Verfassungsorgan ist so beliebt wie das Bundesverfassungsgericht. Zwar verzeichnet seine Beliebtheitskurve Schwankungen; vor Bundestagswahlen knickt sie, wie auch die Beliebtheitskurve von Bundespräsident, Bundesregierung und Bundestag, leicht ein. Aber sie sinkt nie auf deren Niveau und gewinnt rasch wieder ihre alte Höhe. Das war so, als der Beliebtheitsvergleich in den achtziger Jahren begann, und hat sich seitdem nicht geändert. Ob darin ein Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht, wie es tatsächlich arbeitet und entscheidet, zum Ausdruck kommt oder eine Sehnsucht danach, daß Recht und Gerechtigkeit in der Bundesrepublik Deutschland einen festen, verläßlichen Ort haben, ist der Kurve nicht abzulesen. Dafür, daß es eher um Sehnsucht als um Vertrauen geht, spricht, daß im Beliebtheitsvergleich nicht nur aller Verfassungsorgane, sondern aller großen staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen auf dem ersten Platz vor dem Bundesverfassungsgericht die Polizei steht. Sie, die im Alltag so oft gescholten und geschmäht wird, kann ihren Sieg schwerlich dem Vertrauen in ihre tatsächliche Arbeit, sie muß ihn vielmehr der Sehnsucht nach Sicherheit und Ordnung verdanken. Für Rechts- und Gerechtigkeitssehnsucht als Grund der Beliebtheit des Bundesverfassungsgerichts spricht auch, daß die Kurve auf Veränderungen kaum reagiert: Veränderungen der Rechtsprechung, Veränderungen der Rolle, die das Bundesverfassungsgericht im politischen, und Veränderungen der Rolle, die es im rechtlichen Raum spielt. Seine Arbeit wird, von seltenen spektakulären Entscheidungen abgesehen, von der Öffentlichkeit auch nur wenig wahrgenommen. Aber die Sehnsucht ist stets da, sie schwindet nicht, und also wankt auch das Vertrauen nicht, gleichgültig, was das Bundesverfassungsgericht macht und was mit ihm geschieht. Tatsächlich ist, was mit dem Bundesverfassungsgericht unter unseren Augen geschieht, erstaunlich. Anders als über Jahrzehnte versteht sich nicht mehr von selbst, daß seine Entscheidungen befolgt werden. Den Anfang machten vor rund zehn Jahren Strafgerichte, als sie den Nötigungsparagraphen, für den das Bundesverfassungsgericht eine enge Interpretation gefordert hatte, einfach gleichwohl weit interpretierten. Das Bundesverfassungsgericht hatte in der Sitzblockade eines Konvois von Lastwagen keine Nötigung gesehen, weil die Demonstranten keinen körperlichen, sondern psychischen Zwang ausübten; der Bundesgerichtshof, gefolgt von anderen Strafgerichten, hielt an der Nötigung fest, weil der von den sitzenden Demonstranten blockierte erste Lastwagen ein körperliches Hindernis für den zweiten darstelle. Den nächsten Schritt machten vor fünf Jahren Verwaltungsgerichte beim Verbot von Versammlungen. Das Bundesverfassungsgericht hatte in der rechtsextremistischen, aber nicht strafbaren Tendenz einer Versammlung keinen Grund für deren Verbot gesehen; das Oberverwaltungsgericht Münster stellte sich offen gegen das Bundesverfassungsgericht und hielt entsprechende Verbote aufrecht. Den offensten und schroffsten Konflikt mit dem Bundesverfassungsgericht hat in den letzten beiden Jahren das Oberlandesgericht Naumburg ausgetragen. Es verhinderte den Umgang eines türkischen Vaters mit seinem Sohn, obwohl nach dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte auch das Bundesverfassungsgericht mehrfach entschieden hatte, daß der Umgang zu gewähren sei. Das Bundesverfassungsgericht hob die Beschlüsse des Oberlandesgerichts Naumburg auf, das Oberlandesgericht Naumburg traf sie einfach erneut. Die jüngste Verweigerung der Gefolgschaft erfolgte wieder durch den Bundesgerichtshof für Strafsachen. Er bestätigte zu Beginn dieses Jahres eine Verurteilung zu lebenslanger Freiheitsstrafe, obwohl das Bundesverfassungsgericht wegen überlanger Verfahrensdauer eine mildere Strafe gefordert hatte, und sein Präsident rügte das Bundesverfassungsgericht sogar öffentlich, seine Vorwürfe seien weder in der Sache noch im Ton angemessen gewesen. Bernhard Schlink, Abschied von der Dogmatik "Gallien ist in seiner Gesamtheit geteilt in drei Teile; deren einen bewohnen die Belger, einen zweiten die Aquitaner, einen dritten, die in ihrer eigenen Sprache Kelten, in der unseren Gallier genannt werden. Diese alle unterscheiden sich voneinander nach Sprache, Einrichtungen, Gesetzen. Die Gallier trennt von den Aquitanern der Garonne-Fluß, von den Belgern Marne und Seine. Von diesen allen die tapfersten sind die Belger, deshalb weil sie von Bildung und Gesittung der Provinz am weitesten entfernt leben und höchst selten Kaufleute zu ihnen kommen und Dinge importieren, die sie verweichlichen könnten; auch weil sie den Germanen am nächsten wohnen, die jenseits des Rheines siedeln, mit denen sie fortwährend Krieg führen. Aus diesem Grunde übertreffen auch die Helvetier die übrigen Gallier an Tapferkeit, weil sie in fast täglichen Gefechten mit den Germanen kämpfen, wenn sie sie entweder von ihrem Gebiet fernhalten oder selbst in deren Gebiet Krieg führen." So also beginnt der berühmte Bericht vom Gallischen Krieg. Es ist von vorne herein bemerkenswert, daß, noch bevor das, was Rom von den Galliern trennt, deutlich wird, die Gallier selbst voneinander unterschieden werden – durch die Dreiteilung in Belger, Aquitaner und Kelten oder Gallier. Erst dann tritt die Unterscheidung Rom-Gallien in den Blick, wenn es heißt: "Selbst nennen sie sich Kelten, in unserer Sprache aber heißen sie Gallier". Die Feststellung des sprachlichen Unterschieds führt sogleich auf die sprachlich-gesellschaftliche Differenz der gallischen Völker untereinander: "Diese alle unterscheiden sich voneinander nach Sprache, Einrichtungen, Gesetzen". Es folgen die geographischen Teilungsleistungen: "Die Gallier trennt von den Aquitanern der Garonne-Fluß, von den Belgern Marne und Seine". In einer Art Neuansatz wird die Teilungsbewegung vom Ganzen zum Einzelnen wiederholt: "Von diesen allen die tapfersten sind die Belger". Das Alleinstellungsmerkmal der Tapferkeit kann nur in einem Kriegstatenbericht nicht verwundern; erstaunlich ist die Begründung, die wiederum über ein Trennungs- und Alleinstellungsverfahren verläuft. Als die Tapfersten gelten sie, "weil sie von Bildung und Gesittung (a cultu atque humanitate) der Provinz am weitesten entfernt leben und höchst selten Kaufleute zu ihnen kommen und Dinge importieren, die sie verweichlichen könnten«. Das ist eine Einschätzung, die in einem Bericht über die Neuordnung Zentraleuropas durch Romanisierung überraschen muß. Für die Einschätzung der Tapferkeit des fremden Volkes wird die Herabsetzung vertrauter Cultus- und Humanitas-Begriffe in Kauf genommen. Die Tapferkeit, so scheint es, steht außerhalb derselben und wird als Größe eigenen Rechts gefaßt. Um der Faszination fremder Größe gerecht zu werden, darf sogar der Cultus-Begriff gebrochen erscheinen. Möglicherweise muß sich der Kämpfer auf römischer Seite von den "provinziellen" Werten entfernen, um auf der Höhe des Gegners zu sein. Der räumlichen Ferne entspricht die Seltenheit merkantiler Kontakte, des Imports von Software: von Waren, die sie "verweichlichen könnten". Im lateinischen Ausdruck für Verweichlichen "effeminare" steckt wiederum eine Abgrenzungsbewegung: Männliches wird verweiblicht, effeminiert. In starkem Kontrast zu den Entfernungsargumenten steht nun die Nachbarschaft zu den jenseits des Rheins siedelnden Germanen, mit denen die Gallier "fortwährend Krieg führen". Man darf das Beieinander von Nähe und kriegerischer Auseinandersetzung in einem Text, der so auf den Austrag bindender und trennender Verlaufslinien im Raum bedacht ist, mit der Stilfigur der zusammengebundenen Gegensätze oxymoral nennen. Unausgesetzter Kampf steht weit ab von Cultus und Humanitas der Provinz. In einem dritten Anlauf werden nun die Helvetier qua Alleinstellungsverfahren exponiert: "Aus diesem Grunde übertreffen auch die Helvetier die übrigen Gallier an Tapferkeit" – mit Wiederholung des zuletzt genannten Grundes, des tagtäglichen Kampfs mit den Germanen, "wenn sie sie entweder von ihrem Gebiet fernhalten oder selbst in deren Gebiet Krieg führen". Die Bedachtnahme auf Grenzziehung und -wahrung und ihre regelmäßige Überschreitung treten als kapitale Antriebskräfte des Krieges hervor. In den Blick tritt zugleich die raumpolitische Fundierung des gallischen Konflikts. Es geht um die Besetzung und vor allem Behauptung von Räumen, deren Abgrenzung durch mehrere Komponenten gewährleistet wird: geographische Trennlinien; sprachlich-institutionelle Verschiedenheit; Distanz vom römischen Einflußgebiet; Nähe zu germanischen Völkern. Alle genannten Faktoren sind kontingent. Tapferkeit und Qualität der gallischen Völker ergeben sich nach "Lage" der Dinge und werden nach Romferne und Germaniennähe bemessen. Wir stehen vor einem erstaunlichen Zeugnis: Implizit eingestanden wird, daß die in jener Zeit leidlich entwickelte Humanitas-Idee gerade nicht dazu taugt, universalisiert zu werden. In der Konfrontation mit fremden Kulturen zerfällt sie womöglich in ihr genaues Gegenteil: Bildung mißrät zur "effeminatio". Grenzüberschreitung ist natürlicher Kriegsgrund; wir dürfen vereinfachen: Krieg ist, wenn die Falschen zur falschen Zeit den falschen Ort besetzen. Der Helvetische Krieg ist ein treffliches Beispiel für die raumlogische Kriegsbegründung. Jürgen Paul Schwindt, Schwarzer Humanismus Der Kampf der Kulturen ist in vollem Gange. Archaische, vormoderne Denk- und Lebensweisen, die sich am religiösen Kollektiv orientieren, prallen auf moderne, säkularisierte Welten. Angegriffen wird die westliche Kultur, weil sie eine dekadente Gesellschaft des Massenkonsums sei, genußsüchtig, sexuell entartet, gottlos und ohne gemeinschaftliches Ideal. Im Streit um die Mohammed-Karikaturen verteidigten nur wenige Zeitungsredaktionen der europäischen Nachbarländer die Pressefreiheit offensiv, indem sie als Zeichen der Solidarität einige der Karikaturen in ihren Blättern nachdruckten. Inzwischen tobten und wüteten die Massen im muslimischen Weltgürtel von Nigeria über den gesamten Mittleren Osten bis nach Pakistan: Europäische Fahnen, Botschaften und Menschen wurden in Brand gesetzt. Vor laufenden Fernsehkameras war eine geradezu rauschhafte Vernichtungswut und ein abgrundtiefer Haß zu erkennen, beides politisch kalkuliert, mediengerecht inszeniert und unmißverständlich als Botschaft an den Westen adressiert. Neu war hingegen, daß der Haß nicht wie bisher nur Israel und den USA galt, sondern sich explizit auch gegen Europa richtete. Doch es dauerte lange, bis die EU sich hinter Dänemark stellte. Europäische Wirtschaftsunternehmen gingen nach angedrohten Einfuhrsperren für ihre Güter in die Defensive, und die Firma Nestlé war emsig bemüht klarzustellen, daß es sich um kein dänisches Unternehmen handelt. In europäischen Medien und in der politischen Klasse machte sich eine erschreckende Appeasementhaltung breit: Man warnte vor dem Kampf der Kulturen, vor westlicher Hybris und Islamophobie – doch die Gewaltexzesse der islamischen Massen wurden rezipiert, als handele es sich um Ausfälligkeiten, den Trotz und die Wut gestörter Kinder. Daß es um einen Kampf gegen die demokratische Kultur des Westens geht, wurde ängstlich ausgeblendet, statt dessen in gutmeinender Manier der Dialog beschworen. Aber "eine Diskussion mit Anhängern totalitärer Bewegungen über Freiheit ist schon darum so außerordentlich unergiebig, weil sie an menschlicher Freiheit, das heißt der Freiheit menschlichen Handelns, nicht nur nicht interessiert sind, sondern es für gefährlich für die Befreiung natürlicher oder historischer Prozesse halten", konstatierte Hannah Arendt bereits 1951 in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Ulrike Ackermann, Soziologiekolumne "Ich akzeptierte jede Erfahrung, die ich unterwegs machte", hat Maugham über seine zahlreichen und ausgedehnten Reisen geschrieben, und dies ist vielleicht einer der Kernsätze seiner Poetik. Seine Reisen fanden lange vor den Zeiten des Pauschaltourismus statt und waren dementsprechend vielfältig: auf Liniendampfern und Frachtschiffen, in Zügen, im Auto, zu Fuß, auf dem Pferd und in der Sänfte. Ozeanien war damals wirklich noch eine entlegene Gegend, kaum in der Welt angekommen. "Ich merkte sehr schnell, wann ein Ort mir etwas versprach, und wartete dann, bis ich es bekommen hatte. Ansonsten fuhr ich weiter." Was er denn genau bekommen hat, läßt sich vielleicht nicht griffig benennen. Es läßt sich aber in Maughams über hundert Erzählungen nachlesen. Immerhin ging es darum, etwas zu bekommen, nicht darum, den "Eingeborenen" etwas zu bringen. Maugham verkleidet sich in seinen Erzählungen nicht als Südseeinsulaner, sondern bleibt ein Weißer. Aber als kultureller Hegemonist ist er schon wegen seines Hasses auf alles Missionarische völlig ungeeignet, auch wenn er mit dem zeitweiligen Chef des britischen Empires, Winston Churchill, nicht nur das Geburts- und Todesjahr teilt, sondern auch mit ihm befreundet war. Aber Sir Winston war ja, allen großen Reden von Blut, Schweiß und Tränen zum Trotz, ebenfalls kein Missionar. Es ging nur darum, das zu verteidigen, was er liebte. Die persönliche Katastrophe des Autors Somerset Maugham, die ihn zum Cross-culture-Flüchtling gemacht hat, ereignete sich wesentlich früher als bei Mr. Warburton. Es war der frühe Tod seiner Eltern und danach die Jahre bei seinem bigotten Onkel in Kent. Wie seine Figuren ging auch der Autor selber "in die Kolonien", in einen anderen kulturellen Raum, bevorzugt Südostasien und Ozeanien, aber auch China und Indien. Was er dort fand, haben Thomas und Simone Stölzel in ihrem einleitenden Essay zum Notizbuch eines Schriftstellers prägnant "die inneren Tropen der Menschen" genannt. Die hat Maugham in Literatur verwandelt, denn Literatur war das Medium, das ihn beschützte und in dem er lebte. Der angebliche Gesellschaftsmensch Maugham, der unter anderem mit dem Aga Khan verkehrte, sagte von sich: "Ich habe Bücher nur deswegen aus der Hand gelegt, weil mir bewußt wurde, daß die Zeit verging und daß es meine Aufgabe war, zu leben." Dieser Aufgabe ist er oft eher widerwillig nachgekommen, bis er wieder ein Buch in die Hand nehmen konnte. Als Erzähler ist er einer der besten Stilisten der englischen Sprache. Die folgende Notiz aus dem Jahr 1933, auch wenn ihr Anlaß die Kunst Raffaels ist, darf man selbstbezüglich lesen: "In der Entwicklung jeder Kunst gibt es eine Übergangszeit zwischen dem Charme der Naivität und der Eleganz der Verfeinerung, und in dieser entsteht Vollkommenheit. Aber in dieser Übergangszeit entsteht auch Belangloses. Denn dann beherrschen die Künstler ihre Ausdrucksmittel vollkommen und müssen eine ungewöhnlich starke Persönlichkeit haben, wenn es ihnen gelingen soll, die Langeweile des Realismus zu umgehen." Maugham ist das in seinen Erzählungen fraglos gelungen. Jochen Schimmang, In den inneren Tropen der Menschen Es bleibt jedoch dabei, daß Religion zur absoluten Privatsache geworden ist. Eine derartige "Vergleichgültigung" pflegt als narzißtische Kränkung empfunden zu werden. Die beiden christlichen Konfessionen scheinen diese Kränkung mehr oder weniger erfolgreich verarbeitet zu haben; sie haben dabei ihren Alleinstellungsanspruch nicht aufgegeben, verzichten aber doch weitgehend auf seine Geltendmachung, jedenfalls in offensiv-unverhüllter Form. Das bedeutet nicht, daß Rückschritte ausgeschlossen wären. Die Behauptung einer christlichen "Leitkultur" Deutschlands oder gar – im Zuge des gescheiterten europäischen Verfassungsprojektes – Europas, die Forderung nach einer Streichung des Tatbestandsmerkmals "Störung des öffentlichen Friedens" im Strafgesetzbuch oder die Ungleichbehandlung von islamischem Kopftuch einerseits, christlicher Ordenstracht und jüdischer Kippa andererseits im deutschen Schuldienst sind solche mit Gehalt und Funktion des Menschenrechts der Religionsfreiheit unvereinbare Rückschritte. Sie dürfen auch gewiß nicht bagatellisiert werden. Es ist derzeit aber nicht erkennbar, daß solche Abwehrreaktionen auf die verunsichernde Erfahrung religiöser Vielfalt tatsächlich zur gesellschaftlichen Wiederanerkennung eines christlichen Alleinstellungsanspruchs führen könnten. Für den Islam kann gleiches nicht gesagt werden. Das religiöse Gefühl bleibt dort in hohem Maß erregbar und verletzbar. Eine moderne Rechtsordnung muß hierfür aber unempfindlich sein und bleiben. Gerade der Umstand, daß das Recht hier keine engen Grenzen mehr ziehen kann und darf, läßt die Bedeutung anderer Regulative ansteigen. Zu diesen gehören Moral, Takt und Ästhetik. Hier stehen Kriterien zur Verfügung, die einen rechtlich zulässigen Angriff auf eine Religion oder deren Praxis als bösartig, unhöflich oder häßlich erscheinen lassen. Nach solchen Kriterien, nicht nach rechtlichen Maßstäben sollten sich die Grenzen der Religionskritik heute vor allem bestimmen. Das moderne Verfassungsrecht, in Deutschland Artikel 4 und 5 des Grundgesetzes, öffnet den Raum des gesellschaftlichen Diskurses und hält ihn offen, innerhalb dessen solche außerrechtlichen Kriterien abgewogen und angewendet werden. Darin liegt eine zivilisatorische Leistung, die kaum überschätzt werden kann, und es ist darin auch ein kultureller Entwicklungsvorsprung gegenüber jeder religiös angeleiteten Begründung und Inanspruchnahme des Rechts zu sehen. Dieser Vorsprung darf nicht preisgegeben werden. Helge Rossen-Stadtfeld, Darf der Islam verspottet werden? Warum ist Gewalt schlecht? Die kantianische (deontische) Ethik wird darauf verweisen, daß der andere Mensch als Person anerkannt werden muß und Gewalt sich nicht verallgemeinern läßt, der Utilitarismus auf die negativen Folgen einer Gewalttat. Die Vernunft spricht gegen Gewalt. Aber deckt sie alle Fälle ab? Sind Billy Budds, Zinédine Zidanes Reaktionen verständlich, aber nicht vernünftig? Kann man sie dann jedoch einfach verurteilen? Insbesondere Pädagogen sind damit in einem Dilemma. Wie, so die entsetzte Reaktion französischer Pädagogen, sollen sie den Jugendlichen Verzicht auf Gewalt zugunsten zivilisierter Regeln beibringen, wenn der "coup de boule de Zizou" weithin Verständnis findet? Und das nicht nur bei den Jugendlichen: Schließlich wurde auch der Provokateur Marco Materazzi bestraft. Sollen die Erzieher kontrafaktisch am Ideal der ausnahmslosen Gewaltfreiheit festhalten und sich von den Jugendlichen isolieren? Das "Zwei-Ebenen-Verständnis" empörender Situationen ist in sich schlüssig und für die Gesellschaft an sich unproblematisch, denn es anerkennt die Regeln und die Strafe. Die gerechte Empörung und die intuitive Gewalt stellen die Regeln nicht in Frage, sondern verweisen auf Lücken, auf unvermeidbare blinde Flecken der Regeln, für die einzig Gewalt das angemessene Argument darstellt, die in diesem Sinne "gerecht" ist. Die Regeln können dies nicht anerkennen, würde sich doch sonst jeder auf den Fall gerechter Empörung berufen. Eine Regel ist immer allgemeiner als der zu beurteilende Fall, kann den Extremfällen zwangsläufig nicht gerecht werden. Das ist der Preis der Zivilisation, den die intuitive Gewalt durch Anerkennung der Regeln auch begleicht. Sie gefährdet deshalb die Gesellschaft zunächst nicht, bleibt punktuell, in diesem Sinne apolitisch. Die gefährliche Gewalt geht von einem anderen Prototyp aus, von Michael Kohlhaas, den Heinrich von Kleist als einen "der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit" vorstellt, denn Kohlhaas vertritt eine vom Verstand geprägte Empörung und Gewalt, handelt mit Bedacht, Klugheit und bestem Gewissen. Vergangenes Unrecht, für das er keine Wiedergutmachung erlangen kann, gibt ihm die Rechtfertigung für alle den Anlaß weit hinter sich lassenden Taten, und er ruht nicht, bis er, auch um den Preis seines Lebens, sein Recht bekommt. Ein verabsolutiertes Rechtsgefühl führt zu Unrecht und Unmenschlichkeit. Sigbert Gebert, Billy Budd und Zinédine Zidane Am 16. August 1960 trafen die beiden so ungleichen Männer das erste Mal zusammen. Der briefliche Kontakt bestand schon seit einem Jahr, und Der Schatten des Körpers des Kutschers stand bereits kurz vor der Auslieferung. Unseld wollte seinen neuen Autor endlich auch persönlich kennenlernen. Weiss blieb zwei Tage und wohnte in Unselds Privathaus. Im Kopenhagener Journal machte sich Weiss schon am 19. August über Unseld so seine Gedanken: "Eine Verlegerpersönlichkeit aus einer Tradition, die in Schweden völlig unbekannt ist. Der lebendige Kontakt mit den Autoren seines Verlags ... Unseld der zuhörende, oft das Gespräch leitende, das Gespräch wieder in seine Bahnen zurückbringende. Selbst nicht produktiv, aber außerordentlich geeignet, das produktive zu erkennen und zu fördern ... Bekam an diesen beiden Abenden in Frankfurt einen starken Eindruck von fruchtbarer Zusammenarbeit." Weiss schätzte Unseld ganz offenbar als tatkräftigen Verleger, lehnte aber instinktiv dessen patriarchalischen Habitus ab. Es ist dieses zwiespältige Gefühl aus Bewunderung und Ressentiment, das Peter Weiss im Umgang mit seinem Verleger nie loszuwerden vermochte. Unseld warb in den folgenden Monaten hartnäckig um die Zuneigung von Weiss, der aber zierte sich. Gefühle zu zeigen, war nicht seine Sache. Auch eignete er sich denkbar schlecht für eine Männerfreundschaft, wie Unseld sie schätzte. Als Weiss Unseld begegnete, war er bereits dreiundvierzig Jahre alt und schleppte eine Fülle zumeist negativer Erfahrungen aus seiner mehr als zehnjährigen Suche nach Verlagen und aus Kontakten zu Verlegern mit sich herum. Unseld hingegen war ein noch lernender, acht Jahre jüngerer Verleger voller Neugier und Tatendrang. Im Januar 1981, nach Hunderten von Briefen, nach Dutzenden gegenseitiger Besuche, nach der Publikation vieler Bücher, der Premiere spektakulärer Theaterstücke, gibt Peter Weiss ein Jahr vor seinem Tod in einem Brief an seinen langjährigen Rostocker Freund, den Germanisten Manfred Haiduk, eine deprimierende Einschätzung über seinen Frankfurter Verlag: "Ich bin als Lohnarbeiter abhängig von diesem Betrieb, erhalte mein Auskommen von dort, kann dafür (oder konnte jedenfalls bisher) damit rechnen, daß die Schreiberei, die ich produziere, dort angekauft und vertrieben wird." Auch wenn man ins Kalkül zieht, daß Weiss zu dieser Zeit mit Verlag und Verleger wegen der Eingriffe in die Ästhetik des Widerstands über Kreuz lag, ist man einigermaßen verblüfft ob dieser ernüchternden Darstellung. Wie konnte es so weit kommen, daß Weiss den Verlag, der sein Werk über mehr als zwanzig Jahre lang so professionell verbreitet und dessen Verleger er persönlich viel zu verdanken hatte, in dieser Weise abqualifizierte? Rainer Gerlach, "Alles Schreiben mit Gewalt ist falsch" Im Baum vorm Fenster hat ein Elsternpaar sein Nest gebaut, und weil der Frühling so spät erst kam, die Platane lange blattlos blieb, lebten wir für ein paar Wochen zusammen, die Elstern und ich. An einem Nachmittag Ende April wurde das Nest von zwei Nebelkrähen angegriffen. Sie flogen es wütend an, saßen laut krächzend davor, setzen sich obendrauf, es war der Beginn einer Vergewaltigung, versuchten, in das Nest hineinzukommen, aber irgendwie ging dieser Angriff ohne Schaden vorüber. Die Nebelkrähen flogen davon und trugen kein Ei im Schnabel; die Elsternfrau hatte wohl noch keins gelegt. Auch legte sich meine Empörung über die Nebelkrähen, als mir der Tierfreund, der gerade zu Besuch kam, erklärte, daß auch Elstern Krähenvögel seien und eigentlich viel schlimmere Nesträuber. Die Nebelkrähen sind nicht wiedergekommen, die Elstern sind nicht weggezogen, sie wohnen noch immer im Baum vor meinem Fenster. Ihr Wohnen aber ist ein stetes Kommen und Gehen, in einem fort fliegen sie ein und aus. Fliegen heraus und hüpfen hinein, nähern sich ihrem Nest stufenweise von unten, indem sie von Ast zu Ast nach oben hüpfen, bis sie auf dem Ast hocken, von dem aus sie nur noch einen kleinen Hüpfer in ihr Nest hinein machen müssen. Nun werden die Bäume langsam grün. Zwar sind die Platanen immer spät dran, doch wird es nicht mehr lange dauern, bis das Geblätter das Nest versteckt und es ganz den Elstern gehören wird und mir nicht mehr. Iris Hanika, Chronik (XXIII) |
(Anzeige)
Alex Rühle war ein halbes Jahr offline. |
|
|
|
|
Alex Rühle Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline Früher hat Alex Rühle abends sein Blackberry auf dem Schuhschrank deponiert, damit er vor dem Zubettgehen schnell noch heimlich E-Mails checken konnte. Bei seinem Versuch blieb ihm nichts übrig, als live im eigenen Gehirn zu googeln. »Was Rühles unterm Strich fortschrittsfreundliches Buch so angenehm macht, ist seine zweifelnde, selbstironisch, ständig abwägende Grundhaltung.« Welt-Online (Seit Juli im Buchhandel) (Klett-Cotta) EUR [D] 17,95 Informationen und Leseprobe zu Alex Rühle: Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline |