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Zitate des Monats
Heft 680 · Dezember 2005
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Aus dem Dezemberheft 2005, Nr. 680 Schuldgefühle haben ihre eigene Dynamik, sie können gemessen an der verbrecherischen Tat zu klein, aber auch zu groß sein, sie können sich verselbständigen und ein Eigenleben führen. Die Gefahr, andere Völker mit dem ausufernden deutschen Schuldgefühl zu brüskieren und auf nachrangige Plätze zu verweisen, ist offensichtlich, aber solange man ihr scheinbar nur um den Preis entgehen kann, die deutsche Schuld zu relativieren und rechtsradikalen Tendenzen Vorschub zu leisten, bleiben der Kultivierung des Schuldstolzes Tür und Tor geöffnet. Die deutsche Mischung aus Anmaßung und Zerknirschung ist im Laufe der Jahrzehnte aus dem Postulat erwachsen, daß ein Verbrechen wie der Holocaust nicht zu vergeben und zu verzeihen sei. Damit ist die Grenzenlosigkeit des Schuldgefühls präjudiziert, und wo es gar auftrumpfende Züge annimmt, ist man bereit, diese Auswüchse als eine Art Nebenfolge der vorbehaltlosen Schuldanerkennung in Kauf zu nehmen. Warnungen vor der Gefahr des Schuldstolzes erregen ja den Verdacht, die deutschen Verbrechen herunterzuspielen. Wer dieses gar nicht im Sinn hat und das Problem der Selbstachtung dennoch ernst nimmt, gerät leicht zwischen die Stühle. Wer meint, die Unverzeihlichkeit der eigenen Vergangenheit immer wieder unterstreichen zu müssen, erweckt den Anschein, eine Versöhnung sei ohne seine ständige Intervention unausweichlich. Er tut so, als gebe es nur die Möglichkeit, sie zu verhindern oder sich hilflos ihr auszuliefern. Er benimmt sich, als hielte er es nicht aus, den Prozeß der Versöhnung demütig einem wie auch immer verlaufenden Dialog anzuvertrauen. So bleibt indirekt die Idee der Versöhnung allzu beherrschend und unterwirft diejenigen, deren Entgegenkommen wir geduldig abwarten müßten, einem unerträglichen Druck. Die Lage ist paradox: Man legt Schuldbekenntnisse ab und leistet Entschädigungen, was ohne ein Motiv der Hoffnung keinen Sinn macht. Gibt man dieses aber zu erkennen, ist man moralisch disqualifiziert – geradezu unvermeidlich der Verdacht, eine Gegenleistung zu erwarten, sich freikaufen oder reinwaschen zu wollen. So muß die Schraube, die das Schuldgefühl fixieren soll, immer fester angezogen werden. Mit der Folge, daß die treibende Kraft nicht mehr die ursprünglich gute Absicht, sondern der allgegenwärtige Vorwurf ist, der immer nur niedere Absichten am Werk sieht. Andreas Krause Landt, Holocaust und deutsche Frage Wenn wir heute das Wort Pathos hören oder benutzen, dann hören oder benutzen wir es durchweg in einem pejorativen Sinne: Wir sprechen dann vom "falschen Pathos" und meinen, daß dem hohen Ton kein adäquater Gehalt entspricht. Falsches Pathos heißt daher "hohles Pathos". Dieser pejorative Beigeschmack ist nicht neu: Heinrich Heine sprach trotz seiner Bewunderung für die große Geste vom "Truthahnpathos" der Franzosen, und diese haben selbst seit Ende des 17. Jahrhunderts unter dem Einfluß Descartes´ ihrer genuinen, eigenen pathetischen Rhetorik als hohler Phrase mißtraut. Dennoch ist die Entwertung des Pathos von seinem einst hohen kulturellen Rang zu einem Synonym für eine mißlungene, intellektuell verdächtige Ausdrucksform ein zeitgenössisches Phänomen, das sich überall in Europa, aber besonders in Deutschland zeigt. Man könnte diese Entwertung für das Resultat eines gesunden Ernüchterungsprozesses halten, gäbe es da nicht einen entscheidenden Einwand: Wenn denn Pathos ursprünglich einen bedeutenden Gedanken inszeniert, dann impliziert die Verdächtigung des Pathos konsequenterweise die Absage an solch bedeutende Gedanken, Ideen, Gefühle oder gar die Absage an ihre aktuelle Möglichkeit überhaupt. Dieser Einsicht läßt sich nicht mit dem Säkularisationsargument begegnen, Pathos sei etwas Archaisches und somit notwendigerweise dem Verschwinden im historischen Prozeß unterworfen. Karl Heinz Bohrer, Pathos im Zivilisationsprozeß In den achtziger Jahren vollzog sich, darauf weist Theweleit hin, "in deutschen Industriebetrieben, Handwerksbetrieben und kommunalen Verwaltungen die Umstellung der Arbeitsorganisation von Vorarbeiter- und Vorschriftsstrukturen zu mehr Teamarbeit und kooperativen Arbeitsgruppen; insgesamt zu einer Angestellten-Kultur mit Betonung gesteigerter Eigenverantwortung avancierter Angestellter." Damit verbunden ist eine deutlich gesteigerte Flexibilität in den individuellen Leistungsvermögen und in ganzen Lebensläufen. Um so überraschender eigentlich, daß die Krise des deutschen Fußballs nicht an der Schwelle zu den achtziger Jahren virulent wurde, sondern erst zur Jahrtausendwende ausbrach: Die Weltmeisterschaft 1998, die Europameisterschaft 2000, die Europameisterschaft 2004 sind die Daten, an denen sich diese Krise festmachen läßt (und die Weltmeisterschaft 2002 ist möglicherweise nur der Beleg dafür, daß man auch mit einem alten System weit kommen kann, wenn man Glück hat: Helden und Klopper können immer noch erfolgreich sein. Das ist wie das Aufeinanderprallen von Siegfried mit den Burgunden in Worms: Wenn zivilisierte Gruppen und aggressive Individuen aufeinander treffen, dann ist der aggressive Einzelne im ersten Moment im Vorteil, auf mittlere Sicht jedoch wird er sich einfügen, und wenn nicht, gibt es immer noch einen Hagen, der das Richtige zu tun weiß). Die Begründung dafür wird von Theweleit bei den Führungspersonen gesucht und bei einem sehr langlebigen und lange erfolgreichen Denkmuster, dem nämlich, daß sich über hartnäckige Arbeit am Ende doch der Erfolg einstellen wird ("kämpfen" ist die Losung dafür – und in der Tat, ganz ohne das geht´s wohl nicht). Damit ändert sich insgesamt das Profil gerade der herausragenden Aktoren auf dem Fußballfeld. Theweleit: "Die gute oder schlechte Leistung eines Spielers hängt ... nicht mehr allein von seiner körperlichen Verfassung ab; seine Aufgaben sind komplexer geworden. Seine Leistung bestimmt sich auch dadurch, wie gut oder schlecht sich seine Wahrnehmung in die der ganzen Mannschaft fügt; wie weit sein Denken und Fühlen ´im Netz´ mit dem der übrigen Mannschaft übereinstimmt." Hinzuzufügen wäre noch: Und inwieweit er die Aktionen der gegnerischen Mannschaft in sein Denken und Fühlen und eben auch Agieren zu berücksichtigen weiß. Spieler müssen komplexer denken und agieren, zumal dann, wenn die entscheidenden Faktoren, nämlich Zeit und Raum, im Zuge der Spielentwicklung immer knappere Güter werden. Walter Delabar, Ballsport als soziale Figur Vor zehn bis fünfzehn Jahren fingen die Frauen am Strand und in Freibädern an, sich oben ohne zu sonnen und zu bewegen, auch wo dies nicht amtlich als FKK vorgesehen war. Als ständiger Schwimmbadbesucher weiß ich: Dieses Enthüllen hat sich nicht ausgeweitet, sondern ist seltsamerweise auf dem Rückzug, und zwar ebenso ungezwungen, wie es gekommen ist. Warum wohl? Das Entblößen des Busens in der Öffentlichkeit hat, ob man will oder nicht, eine erotische Komponente, und das Bedecken ebenso – sie darf sich aber in der Beziehung zwischen Männern und Frauen, die ja im Schwimmbad keine intime, sondern eine öffentlich-distanzierte ist, nicht ausdrücken. Die Regeln der Scham und des Respekts gebieten, daß der Blick des Mannes die Intimzone des offenen Busens meidet, und nicht etwa dorthin starrt. Indem sie ihre Brust entblößt, verlagert die Frau die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Distanz, des Anstands und der guten Ordnung auf ihr Gegenüber: Du muß dein Begehren nicht nur unterdrücken, sondern auch verbergen, daß es existiert. Du mußt den Blick zügeln, der es wecken oder zu erkennen geben könnte. Die Sache hat noch einen andern Aspekt. Die Enthüllung der Frauen scheint einzuladen, aber sie erhöht auch die Anforderung an die Männer, ihr Interesse zu verbergen und Distanz zu wahren. Erhöhte Anforderungen vergrößern auch den Kreis derjenigen, die sie nicht erfüllen können. Dies ist die Dialektik von Leistungsanforderungssteigerung und Leistungsversagen. Wer der gesteigerten Anforderung, Distanz zu wahren, nicht entsprechen kann, gilt als übergriffig. Und in der Tat: Junge Frauen klagen vermehrt über sexuelle Übergriffe. Die gesteigerte Zurückhaltungsverantwortung erschwert die ungezwungene Annäherung zwischen den Geschlechtern. Es ist unverdächtiger und leichter, auf eine angezogene Frau zuzugehn als auf eine nackte. Und auch die nackte Frau tut sich schwerer als die bekleidete, auf einen Mann zuzugehn. Ich vermute, daß es diese Beziehungserschwernis ist, die die Frauen dazu bringt, ihre Selbstentblößung wieder rückgängig zu machen. Sie übernehmen damit wieder ein Stück Verantwortung und gewinnen Initiative. Das Ganze ist ein Versuchs-Irrtums-Prozeß, und Irrtümer werden korrigiert. Dies geschieht wie von selbst in vielen unabgesprochenen Einzelentscheidungen, die sich zu einer kollektiven Tendenz zusammenfügen: zu einer Kultur der Balance zwischen Enthüllen und Verbergen. Es ist auch eine Balance zwischen den Geschlechtern, die so ihre Zugänglichkeit regeln, nach ungeschriebenen Regeln (die immer die wichtigsten sind). Es soll ja weitergehen zwischen Frauen und Männern. Karl Otto Hondrich, Soziologiekolumne Alle Versuche, Gedenken staatlich zu lenken oder gar zu erzwingen, sind nicht nur autoritär und anmaßend, sondern auch ganz und gar nutzlos, ja schädlich. Sie fallen auf ihre Urheber zurück. Die Wahrheit einer Gedenkpolitik, der eine große Mehrheit inne zu sein glaubt und die sie sogar mit Strafen und Versammlungsverboten durchsetzen will, diese mit Paragraphen gepanzerte Wahrheit erstarrt vollends zum Dogma, wird zum Lippenbekenntnis, wenn die Mehrheit es nicht duldet, daß sie respektlos und polemisch, ja hämisch und bösartig angegriffen wird. Nur wer sich der ungehemmten öffentlichen Debatte stellt, ist gezwungen, im Für und Wider der Argumente seine Vernunft- und Moralgründe zu erhärten. Wer das Holocaustdenkmal zum sakrosankten Ort einer neuen Staatsreligion stilisiert, tut der Sache keinen Gefallen. Soll dieses Denkmal wirklich eins der Deutschen werden, kann man dort nicht nur die guten vorzeigen, sondern muß auch die häßlichen Deutschen ertragen: jene, die eine wahnwitzige Verschwendung von Steuergeldern beklagen. Jene, die ein Mahnmal für die Opfer des alliierten Luftkriegs fordern. Und selbst jene, die frohlocken, das Denkmal werde dereinst als Fundament einer "neuen Reichskanzlei" nützlich sein. In seiner Rede zum 8. Mai bescheinigte Bundespräsident Horst Köhler den Deutschen eine "Begabung zur Freiheit". Wie weit es damit her ist, wird sich hier, am Feld mit den 2711 Stelen, in den kommenden Jahren zeigen. Horst Meier, Rechtskolumne Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man sein Leben als eine der größten Aufsteigergeschichten aller Zeiten bezeichnet. Schließlich hat er nicht nur eine Karriere von Weltformat hingelegt, sondern zwei – und zwei weitere überragende Karrieren im auch nicht gerade kleinen amerikanischen Maßstab gleich mit. Daß Arnold Schwarzenegger in den Annalen des Sports nicht neben solchen Größen wie Beckenbauer oder Pelé geführt wird, liegt nur daran, daß das Bodybuilding stets etwas Anrüchiges hatte; vom Können her, mit dem er seine Disziplin beherrschte, hätte er es aber verdient – bei Muskelaufbau und Muskelpräsentation machte ihm viele Jahre lang keiner etwas vor –, und im Bekanntheitsgrad war er den Fußballgöttern zumindest ebenbürtig. Außerdem ist Schwarzenegger zum bestbezahlten Schauspieler aller Zeiten geworden (30 Millionen Dollar) und hat dabei, nicht unwichtig, stets die Kontrolle über seine Filmkarriere behalten – nichts hat er mit sich machen lassen, was er nicht gewollt hat (schon das ist in diesem Business ein kleines Wunder). Außerdem hat er, was oft unterschätzt wird, eine brillante Karriere als Unternehmer vorzuweisen. Selbst wenn er keine einzige seiner Megagagen jemals kassiert hätte, wäre er mit seinen Restaurants und Immobilienfirmen in Kalifornien ein vielfacher Dollarmillionär geworden – es ist von einem achtstelligen Vermögen die Rede, das er sich allein durch seine Firmen erwarb. Den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär hat er sich also ganz nebenbei erfüllt. Gestartet ist Schwarzenegger als Sohn eines Dorfpolizisten in einem kleinen Örtchen bei Graz, ohne ein Erbe als Startkapital. Rätselhaft ist aber nicht allein das schiere Ausmaß der Karriere. Rätselhaft ist auch, was Schwarzenegger antreibt. In den Büchern über ihn stößt man auf die üblichen Floskeln von Fleiß, Willen, Beharrlichkeit. Überhaupt wird man feststellen, daß die Laufbahn Arnold Schwarzeneggers sofort etwas geradezu erschreckend Normales ausstrahlt, sobald man seine Posen und das Sperrfeuer an Zeichen, mit dem er sich umgibt, einmal beiseite läßt. Dieser Mann wollte als Jugendlicher schlicht und einfach etwas aus sich machen, er wollte weg von zu Hause, schon früh hat er den Traum von Amerika im Hinterkopf (bei der Einbürgerung legt er den Eid auf die amerikanische Verfassung im weiß-blau gestreiften Anzug und mit roter Krawatte ab), und es sind drei Ziele, die er sich setzt: Er will reich werden, er will berühmt werden, er will mächtig werden. Dirk Knipphals, The Greatest Story Never Told Fragt man nach dem historischen Einfluß der Architektur auf die Kultur, dann zeigen bereits die Kategorien, die die Kunst- und Kulturwissenschaften zur Charakterisierung von Epochen verwenden, daß diese in erster Linie von der Baukunst geprägt sind, auch wenn einige Begriffe auf die Malerei und die Plastik zurückgehen: Barock, Rokoko, Klassizismus, Jugendstil, Neue Sachlichkeit, Postmoderne, Dekonstruktivismus. Im Vergleich dazu sind nur wenige Epochenbezeichnungen genuin literarischer Natur. Und selbst Begriffe, die man hier nennen könnte, wie Romantik, Junges Deutschland, Realismus oder Naturalismus orientieren sich ebenso an der Philosophie und der politischen Ideengeschichte. Foucaults Archäologie des Wissens wäre also in einer umfassenden Kulturwissensch |
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Hahn, Hans-Werner / Berding, Helmut: Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte |
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Band 14 Reformen, Restauration und Revolution 1806 - 1848/49 Der Band gibt einen Überblick über alle zentralen wirtschafts-, sozial-, kultur- und politikgeschichtlichen Aspekte in der spannungsreichen Zeit zwischen dem Ende des Alten Reiches 1806 und der Revolution von 1848/49. (Klett-Cotta) EUR [D] 42,00 weitere Informationen zu den Bänden und zum gesamten Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte |