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Zitate des Monats
Heft 670 · Februar 2005
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Aus dem Februarheft 2005, Nr. 670 Säkularisierung bezeichnet einen Prozeß, in dem die Religion ihre Rolle als Garant von Normen und als Integrationsfaktor für die Gesellschaft zunehmend einbüßt. Religion und Politik treten auseinander; das Recht kann sich nicht mehr selbstverständlich auf transzendente Größen beziehen; die Gesellschaft besitzt keine allgemein geteilte mythologische Erzählung mehr. Statt dessen existiert eine Fülle von Deutungsansprüchen, die miteinander konkurrieren. Dies ist die objektive Seite des Säkularisierungsprozesses, der aber auch eine subjektive Dimension besitzt. Eben diese Innenseite der Säkularisierung ist hier von Interesse. Hier geht es um religiöse Gefühlslagen, um die Deutung und Bewältigung von Kontingenzerfahrungen, um die Formulierung von Lebenssinn und Identität. In einer Formulierung von Bob Dylan: "Du brauchst etwas, das dir klipp und klar beweist, daß du es bist, du und kein anderer, dem der Fleck gehört, auf dem du stehst." Eine derartige Selbstbestimmung kann sich auch in der Moderne, wie der Brentano-Dylan-Typus zeigt, auf eine Ordnung jenseits von Raum und Zeit beziehen. Dabei steht aber in einer säkularisierten Gesellschaft keine fest verankerte, mit Macht versehene Institution mehr zur Verfügung, die Bedürfnisse nach einem höchsten Sinn wie selbstverständlich befriedigt. Es fehlt der kollektiv verbindliche Zusammenhang. Daher individualisieren sich die Versuche religiöser Sinnsetzung. Sie laufen auseinander, richten sich auf nichtreligiöse Bereiche wie die Liebe und die Politik. Sie können sich wiederum der Kirche annähern, wofür es im 19. und 20. Jahrhundert viele Beispiele gibt, müssen es aber nicht. Wegweisend für diesen Zusammenhang sind die Überlegungen des Religionshistorikers Friedrich Wilhelm Graf, der in seinem Buch Die Wiederkehr der Götter die Untersuchung von autobiographischen Texten vorschlägt, um die Innenseite der Säkularisierung begreifen zu können. Eine solche Sichtweise ermöglicht es, so verschiedene Individuen wie Bob Dylan und Clemens Brentano zu verstehen und zu vergleichen. Denn die Säkularisierung stellt einen Langzeitzusammenhang dar und greift auch räumlich weit aus, betrifft verschiedene, ehemals christlich geprägte Gesellschaften. Deshalb läßt sich auch eine Brücke von der deutschen Romantik zur amerikanischen Rockmusik schlagen. Aus heutiger Sicht sieht man die Säkularisierung im 18. Jahrhundert einsetzen. Natürlich fand auch in den Jahrhunderten zuvor ein Ringen um den Glauben statt, gab es Wellen des Zweifels und herausragende Versuche, einen Glauben für sich selbst, in eigener Sprache zu finden. Aber es ist doch ein Unterschied, ob ein solcher Versuch im Rahmen einer Gesellschaft stattfindet, die zumindest von der Idee eines gemeinsamen höchsten Sinns ausgeht, oder ob ein entsprechender Versuch in einer schon differenzierten Welt mit einer Vielheit von Lebensstilen unternommen wird. Vom Beginn im 18. Jahrhundert erstreckt sich der Prozeß der Säkularisierung bis in die Gegenwart. Hier und im Blick auf die Zukunft stellt sich die Frage, ob die Versuche, ein Selbstverständnis mit Orientierung auf ein Jenseits zu formulieren, im Lauf des Säkularisierungsprozesses schwächer werden. Muß womöglich zumindest eine religiöse Kindheitsprägung vorhanden sein, um sich in der Lebensgeschichte wieder der Religion zuwenden zu können? Denn woher sollen in einem leeren Raum die Ausdrucksweisen und Zeichen kommen? Die Alternative dazu wäre, daß es sich bei religiösen Bedürfnissen um Phänomene handelt, die unabhängig von historischen Situationen und kulturellen Zusammenhängen auftreten; sie können zurücktreten, verschwinden aber nicht grundsätzlich. Sie können auch auf ein weißes Blatt geschrieben werden, suchen sich neue Ausdrucksformen. Diese Frage bleibt offen. Für Brentano und Dylan war und ist die Suche nicht stillzustellen. Selbst wer ihren Unternehmungen distanziert gegenübersteht, kann doch zugeben, daß dabei faszinierende Aussichten in weite Räume entstehen. "Wie sich auch die Zeit will wenden, enden / Will sich nimmer doch die Ferne" – "I´m a long time a-comin´, Maw / An´ I´ll be a long time gone." Dirk von Petersdorff, Ruhelose Sänger Spät hat die MSC Melody im Hafen von Jalta angelegt. Im Halbdunkel stolpern Kreuzfahrer grüppchenweise zu ihrem Ausflugsziel. Am Wegrand bieten Kinder unter Gaslampen Matrjoschkas und Krimsekt feil. Vor dem Livadia Palais, wo einst die Nachkriegsordnung ausgehandelt wurde, präsentiert ein Ukrainer auf der flachen Hand lose Euromünzen; er möchte sie gegen Papiergeld eintauschen. Neben dem Portal steht eine Geigerin in schwarzem Chiffon. Ihre nackten Füße stecken in Pumps, vor sich eine Blechbüchse. Sie fiedelt eine fast fünfzig Jahre alte Weise herunter, die wir alle mitsingen oder wenigstens mitsummen könnten: "Only you can make this world seem right / Only you can make the darkness bright / Only you and you alone can thrill me like you do / And fill my heart with love for only you". Amerikanische Liedermacher würden in einer Zitationsanalyse weit vorne landen. Manche ihrer Einfälle sind zu Redensarten, einige sogar literaturfähig geworden und dies, obwohl lyrics gemeinhin zur niederen Poesie zählen. Zwei Zeilen aus dem Song, mit dem Sophie Tucker berühmt wurde, wollen einer Figur aus Jean-Paul Sartres Roman La Nausée nicht aus dem Kopf gehen: "Some of these days / You´ll miss me, honey". Jüngere deutsche Autoren reichern ihre Geschichten mit Satzfetzen aus Popsongs an. Der sonntägliche Weltspiegel der ARD unterlegte einem Bericht über gleichgeschlechtliche Eheschließungen Whitney Houstons "I Will Always Love You". Eine morgenschöne Strophe von Cat Stephens hat sich in eine Todesanzeige der Süddeutschen Zeitung verirrt. "Sweet the rain´s new fall, sunlit from heaven / Like the first dewfall, on the first grass". Kein anderes Kulturprodukt ist weltweit so umstandslos assimiliert worden. Amerikanische Musik ließ uns Erna Sack samt Ufa-Sinfonieorchester vergessen, führte heraus aus dem Ödland deutscher Schlager, verdrängte Rudi Schuricke und Bully Buhlan. Nichts gegen Friedel Hensch und die Cypris, nichts gegen Peter Alexander und seine Klangwelt. Aber welcher Bewerber für den Rang eines Superstars käme heute auf die Idee, sich aus seinem Repertoire zu bedienen? Oder Vico Torrianis? Gert Raeithel, Only you Ihr wahres Gesicht, so Giorgio Agamben, zeigt die moderne Demokratie erst dort, wo ihre eigenen Rechtsverhältnisse einen Raum der Rechtlosigkeit eröffnen. Wehe dem, der in diesen Raum hineingerät. Er ist buchstäblich geliefert, vom Recht gleichermaßen ein- wie ausgeschlossen, oder, lateinisch gesprochen, homo sacer. Sacer, jenes Adjektiv, von dem sich "sakral" ableitet und das man gewöhnlich mit "heilig" übersetzt, hält Agamben für ein Wort, das einem jahrhundertealten Mißverständnis zu entreißen sei. Es sei nämlich gar kein genuin religiöser Begriff, sondern das juridische Schlüsselwort, welches das Geheimnis politischer Souveränität offenbare. Die Beweislast dafür soll eine denkwürdige Stelle bei Sextus Pompeius Festus tragen: "Homo sacer aber ist derjenige, den das Volk wegen eines Vergehens verurteilt hat; und es ist Frevel, ihn zu opfern, wer ihn aber tötet, wird nicht des Mordes schuldig gesprochen". Eine rätselhafte Definition. Bei Festus kommt sie im Zusammenhang mit einer der größten Zerreißproben der frühen res publica vor, nämlich dem Auszug der Plebejer aus Rom zum "heiligen Berg" (mons sacer). Zweifellos verzeichnet sie das Erstarken der Plebejer, das offenbar dazu nötigte, das uralte Kultwort sacer, das ganz in der Definitionsmacht der Patrizier gestanden hatte, umzudefinieren. Allerdings bleiben die genaueren Umstände dunkel. Anlaß für Agamben, seinen Fund von ihnen abzulösen und eine höchst situationsbedingte Umdefinition zur Definition par excellence zu erheben. "Das Leben, das nicht geopfert werden kann und dennoch getötet werden darf, ist das heilige Leben." Womit sacer zum Inbegriff des Nichtsakralen mutiert. Die religionswissenschaftlichen Studien von William Robertson Smith bis Marcel Mauss und Rudolf Otto hingegen, die sacer, ganz wie das griechische hagios, das hebräische qados, das polynesische tabu, als Elementarwort für jenen ambivalenten Zustand des Ausgezeichnetseins interpretieren, in den etwa das Opfer versetzt war, sobald es aus seinem gewöhnlichen Lebenskontext herausgelöst und zur straffreien Tötung zubereitet wurde, einen Zustand, worin "geheiligt" und "verflucht" noch ungeschieden sind – sie werden kurzerhand als Fehldeutung abgefertigt, weil sie das kleine Festus-Zitat nicht zu ihrer Grundlage gemacht haben. Christoph Türcke, Philosophiekolumne Die EU muß der Ukraine jetzt nicht gleich eine Beitrittsperspektive anbieten. In welchem Tempo das Land unter diesen schwierigen Bedingungen vorankommt, das darf Europa schon abwarten. Aber es kann der neuen Macht in Kiew eine privilegierte Nachbarschaft in Aussicht stellen – als Anreiz, voranzugehen auf dem Weg der Reformen. Und ganz praktische Hilfe anbieten: technische wie finanzielle zur Modernisierung von Banken, Verwaltung, Infrastruktur. Und in die Köpfe investieren – was vor allem heißt, viele junge Ukrainer zu Praktika und Fortbildung einladen. Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Aber man darf nachhelfen, um sie in die Tat umzusetzen. Christoph von Marschall, Politikkolumne |
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