© Merkur, Nr. 734, Juli 2010 (www.online-merkur.de - Inhaltsverzeichnis dieses Heftes)
 

Ulrich Oevermann

Sexueller Missbrauch in Erziehungsanstalten

Zu den Ursachen

Plötzlich geht eine Diskurswelle zur Thematik des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in Institutionen jenseits der Familie durch die deutschsprachigen Länder. Kaum kann man sich noch erinnern, wo und wie es eigentlich angefangen hat. War es Ettal? Nein, das schloss sich an. Vorher war es Irland. Aber das konnte man auf Rechnung eines prämodernen, archaischen Katholizismus setzen. Damit hatten wir ja schon lange nichts mehr zu tun. Sicher, in den USA waren auch schon massenhaft Fälle an die Oberfläche gedrungen. Aber war das nicht auch erwartbar in einer Gemengelage von puritanischer Prüderie und katholischer Minderheitsvergemeinschaftung? Aber nun bei uns?

Das Jesuitenkolleg Canisius in Berlin war der erste Stein, der die Lawine ins Rollen brachte. Im Spiegel wurde es sogar als »Epizentrum« bezeichnet, aber dann blätterte man zurück: Am 24. April 2008 wird über ein Verfahren gegen einen Pfarrer in Hamburg berichtet, am 14. März 2008 über eine Verurteilung eines Pfarrers in Regensburg, und dem ersten Beben am Canisius-Kolleg schlossen sich schnell Berichte über vergleichbare Vorfälle an: St. Blasien im Schwarzwald, das Aloisiuskolleg in Bonn, dann das in Werl. Dann kam das große und bekannte Internat im Kloster Ettal hinzu. Auch der weniger verklemmte bayerische Katholizismus war also beteiligt. Und so ging es weiter. Es folgten die kirchennahen Knabenchöre mit ihren angeschlossenen Internaten, und endlich gab es einen den katholischen Einrichtungen entgegengesetzten Fall, der sich sowohl mit dem Achtundsechziger-Syndrom als auch mit der Reformpädagogik und damit dem Kulturprotestantismus und der Freigeisterei in Verbindung bringen ließ: die Odenwaldschule.

Seitdem ist die altbekannte ideologiekritisch angetriebene Diskursdynamik des deutschen Feuilletons im vollen Gange, und es wird ein gewaltiges Schuld-, Sühne- und Reuedrama nationenweit aufgeführt. Aber wo solche wellenartigen Aufsteigerungen losgelassen sind, da verweisen sie, obwohl als solche eine außeralltägliche Abdampfung ventilierend, auf Tabuisierungen von zugrundeliegenden Dauerproblemen, die erst in scheinbar außeralltäglichen, skandalisierbaren Ereignissen sich der Aufmerksamkeit aufdrängen. Auf diese zugrundeliegenden Strukturprobleme will ich aufmerksam machen, um dem Furor der ideologiekritischen Schuld- und Ursachenzuschreibung ein bisschen das Wasser abzugraben. Denn weder eine religiöse Grundeinstellung noch ein aus dem Kulturprotestantismus oder aus säkularisierenden Strömungen hervorgegangener reformpädagogischer Elitismus können es sein, die als Geisteshaltungen die sexuellen Übergriffe von Erwachsenen auf Minderjährige positiv prädisponieren – was sich in diesen äußert, ist vielmehr eine gattungsuniverselle Schwierigkeit, nämlich das Problem der Bil dung einer reifen Sexualität zu lösen, das dem animalischen Leib desjenigen Naturwesens aufgegeben ist, das als solches nur überleben kann, wenn es zugleich zum Kulturwesen wird und die dazu notwendigen Sublimierungsleistungen aufbringen kann. Die ideologischen Dispositionen können da allenfalls zu Quellen von Rationalisierungen für schwache Problemlösungen werden (sofern sie Sublimierungsversprechen nur vortäuschen), aber nicht Ursachen sein.

Joachim Güntner hat sich in der Neuen Zürcher Zeitung (17. März 2010) diesen Ursachen genähert, wenn er den Komplex der erziehungsbedingten Nähe zwischen Sozialisatoren und Sozialisanden als die Grundlage ansprach, auf der die mehr angeprangerten als beklagten, mehr skandalisierten als betrauerten Erscheinungen erwachsen. Er hat zugleich diese Erscheinungen differenziert nach der sozialen Typik dieser Nähe: Dort wo sie ideologiefern sich wie von selbst einstellt, also in den Familien, sei der Missbrauch anders gelagert als dort, wo diese Nähe sich mit ideologischer Programmatik verbindet wie in den Einrichtungen der sekundären Erziehung oder Sozialisation, also in den Klosterschulen und Internaten. Er hat damit aber auch den Verdacht genährt, dass diese ideologisierte Nähe als Ursache anzusehen wäre, wo es doch eigentlich um die Rationalisierung des Versagens einer Hemmschwelle geht, eines Versagens, das aus ganz anderen Bedingungen herrührt und immer auch von der generellen Dynamik und Ambivalenz von Täter-Opfer-Verhältnissen geprägt ist.

Güntner hat damit ein Argument aufgenommen, das schon die Vertreter der katholischen Kirche bewegte in der Abwehr der Angriffe auf den Zölibat als vermeintlicher Ursache von sexuellen Übergriffen: Nicht der kirchliche Raum sei der Strukturort des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen, sondern der familiale. 80 bis 90 Prozent der Missbrauchsfälle, so wurde grob geschätzt, ereigneten sich in den Familien. Wenn das so ist – und es gibt keinen gewichtigen Grund, daran zu zweifeln –, dann drückt sich darin nur etwas ganz Elementares aus: An dem sozialen Ort, an dem sich normalerweise das komplizierte Strukturgefüge einer reifen Sexualität bildet – das, was man mit Freud den Primat der Genitalorganisation nennen kann und was die elementare Strukturausstattung des autonomen Subjekts ausmacht, das sich in jeder Hinsicht fruchtbar an der sexuellen Reproduktion beteiligen und damit seinen Beitrag zum Überleben seiner Gattung leisten kann –, an diesem sozialen Ort ist auch die Dynamik zu lokalisieren, in der dieser komplizierte Bildungsprozess schieflaufen kann und auch tatsächlich häufig schiefläuft. Entweder weil das Strukturmodell dieser Sozialisationsdynamik gar nicht personal ausgefüllt ist oder aufgrund von schon schiefgelaufenen Sozialisationsprozessen der »Erzeuger« (»genitori«, wie es im Italienischen viel realistischer als im Deutschen heißt).

Um aber einschätzen zu können, was in den meistens verborgen bleibenden Missbrauchsfällen, sowohl im familialen Umfeld wie in den Erziehungsinstitutionen, schiefgelaufen ist, muss man sich klarzumachen versuchen, worin die Normalitätsbedingungen für das Entstehen einer reifen Sexualität zu sehen sind. Und diese Klärung hat weniger eine moralisch-ethische als eine erfahrungswissenschaftlich-strukturanalytische von Sozialisationsprozessen zu sein.

Moralisch-ethisch bedarf das Problem keiner großartigen Klärung, da liegt sie auf der flachen Hand. Sexueller Missbrauch von Minderjährigen ist für die Betroffenen immer eine schwere bis schwerste Traumatisierung, und da geht es schlicht um deren Vermeidung oder Bearbeitung, um die Achtung der sexuellen Selbstbestimmung autonomer Subjekte; und wo diese Autonomie noch nicht entwickelt sein kann oder beschädigt oder beeinträchtigt ist, geht es um den Schutz vor unangemessenen und überfordernden Fremdbestimmungen bei gleichzeitiger Eröffnung von Wegen der Bildung oder Rückgewinnung dieser Autonomie auf der Basis eben jener zu klärenden »Normal«-Sozialisation.

Moralisch-ethisch wird es allenfalls schwierig in den späteren Phasen des Übergangs zur Autonomie des erwachsenen Subjekts, also in den späten Phasen der Adoleszenzkrisenbewältigung. Vorher ist die Grenze zwischen personaler Zuwendung und sexuellem Übergriff moralisch-ethisch ebenso klar und einfach zu ziehen wie die zwischen kurierendem Eingriff und die Privatheitsgrenze auflösendem Übergriff in der Arzt-Patient-Beziehung. Aber tatsächlich, in der Empirie des praktischen Vollziehens von Sozialisation, sieht es ganz anders aus als im moralisch-ethischen Diskurs.

Ich will das an einem drastischen Alltagsbeispiel ohne Umschweife verdeutlichen. Wenn die neunjährige Tochter abends zu ihrem Vater ins Bett steigt, um mit ihm zu kuscheln, dann muss sich dieser sicher sein können, nicht mit einer Erektion zu reagieren. Das kann er nur, wenn er auf der Grundlage seiner eigenen gelungenen Sozialisation zwischen der Eltern-Kind-Beziehung und zwischen der Gattenbeziehung – beides Beziehungen gestiftet durch »Liebe« – nicht nur kognitiv, sondern auch affektuell klar unterscheiden kann.

Sobald er sich dessen nicht sicher ist, wird er, um der Norm der Nicht-Übergriffigkeit und der Einhaltung des Inzesttabus zu genügen und damit seinem Gewissen zu folgen, diesen angesonnenen Kontakt mit der Tochter vermeiden und ihr damit ein Stück Zärtlichkeit, das sie sich wünscht und das zu haben für ihre Entwicklung auch wichtig ist, vorenthalten müssen. Solange bewegen wir uns aber, zumindest sozial, noch in der »Normalität«. Wir fallen an dem Punkt aus der »Normalität« heraus, wo, wenn auch zunächst nur unbewusst, der Vater diesen Kontakt, obwohl er auf ihn nicht angemessen reagieren kann, erlaubt, vielleicht sogar wünscht und schließlich sogar aktiv herbeizuführen versucht. Am schlimmsten ist es natürlich dann, wenn dieser Wunsch sich ungehemmt im vollen Bewusstsein seiner Natur in die Tat umsetzt und die Eltern-Kind-Beziehung in die Perversion einer Paarbeziehung umschlägt.

An diesem einfachen Beispiel lassen sich schon die wesentlichen Struktureigenschaften einer gelungenen Sozialisation ablesen. Sie vollzieht sich im Beziehungsdreieck von Mutter, Vater und Kind in der Strukturlogik dessen, was man als die »ödipale Triade« bezeichnen kann. Für sie ist, abgesehen von den Veränderungen durch das jeweilige Entwicklungsalter des Kindes, ele mentar konstitutiv, dass sie aus drei Beziehungsdyaden besteht, für die gleichermaßen gilt, dass sie die Prototypen von »diffusen« (im Gegensatz zu »spezifischen«) Sozialbeziehungen darstellen.

»Diffus« sind solche Beziehungen, in denen die Beweislast derjenige trägt, der ein Thema ausschließen will. Es sind also Beziehungen, in denen grundsätzlich alles thematisch sein kann, also Beziehungen zwischen ganzen Menschen und eben nicht Rollenträgern, Vertragspartnern oder Marktteilnehmern. »Spezifisch« hingegen sind solche Beziehungen, in denen umgekehrt derjenige die Beweislast trägt, der den Themen, die in den die Zuständigkeiten regelnden Rollendefinitionen spezifiziert sind, neue hinzufügen will. Es handelt sich dann um Rollenbeziehungen und nicht um Beziehungen zwischen ganzen Menschen.

Diese einfache Einsicht mangelt bis heute weitgehend der gesamten Familiensoziologie, die unentwegt weiterhin die Familie als Rollensystem begreift und damit an ihren wesentlichen Struktureigenschaften vorbeigeht. Ein Rollensystem ist die Familie latent immer auch, aber manifest erst dann, wenn es nach ihrem Scheitern als Praxis nur noch um Unterhalt und Sorgerechtsbestimmungen geht. Solange sie eine lebendige Praxis ist, ist sie wesentlich ein Gebilde – nicht ein »System« – von Beziehungen zwischen ganzen Menschen. Konstitutiv ist für diese, dass sie sich wesentlich auf die Leiblichkeit der Beteiligten gründen; dass sie nicht befristet und nicht wirklich kündbar sind; dass sie das zu ihrer Praxis nötige Vertrauen dadurch erzeugen, dass es bedingungslos und nicht nach der Erfüllung formalisierbarer Kriterien gewährt wird und dass sie operieren im Modus generalisierter, unverwüstlicher Affektbindungen (alles das gilt schon nicht mehr für Geschwisterbeziehungen). Die übliche Familiensoziologie ist bis heute theoretisch nicht in der Lage, diese Konstitutionsbedingungen von Familie als sozialisatorischer Praxis angemessen analytisch auszudrücken. Und in den Modellen von rationalem Handeln ist das schon lange nicht möglich.

Es kommt nun aber in der theoretischen Modellbildung gelingender Praxis etwas Entscheidendes hinzu, was letztlich ebenso elementar und auch entsprechend trivial ist: Denn natürlich besteht zwischen diesen drei Dyaden trotz ihrer bedeutsamen Strukturgemeinsamkeit als diffusen Sozialbeziehungen eine radikale Differenz, die wir alle wie selbstverständlich erfahren und kennen – aber auch »wissen«? Für die Gattenbeziehung ist die sexuelle Vereinigung konstitutiv, für die Eltern-Kind-Beziehung ist jede sexuelle Wechselseitigkeit streng verboten und tabu, wobei man sich – auch wieder an die eigene soziologische Profession gerichtet – immer darüber klar sein muss, dass Tabus nicht dasselbe sind wie normativ Verbotenes. Tabus liegen viel tiefer als normative Regulierungen. Normen regeln allenfalls, wie Tabus je kulturspezifisch eingehalten werden, sie erzeugen aber nicht selbst diese Tabus. Diese gehen ihnen naturwüchsig voraus.

Aufgrund dieser radikalen Differenz zwischen den beiden Eltern-Kind-Beziehungen und der einen Gattenbeziehung ist der umgangssprachliche Begriff »Liebe« für die soziologische Theoriebildung unbrauchbar, man müsste ihm jeweils immer einen Strukturindex hinzufügen bezüglich der Beziehungsdyade, worin dieser Affekt wirksam ist: ob als Eltern-Kind-Liebe oder als Gatten-Liebe, ob als bedingungslose Fürsorge, die von der Symbiose ihren Ausgang nimmt, oder als bedingungsloses Begehren, das von der sexuellen Anziehung ausgeht. Nimmt man nun noch hinzu, dass es zur Strukturlogik der »diffusen« Beziehungsdyade gehört, dass jeweils jeder der beiden Beteiligten darin auf sein Gegenüber einen Anspruch der Ausschließlichkeit stellt, dann hat man sofort die Dynamik vor sich, die die Strukturlogik der ödipalen Triade ausmacht und antreibt.

Nehmen wir für unsere Zwecke nur die Perspektive des einen beteiligten Kindes als Ego ein. Dann muss es in drei aufeinander nicht rückführbaren Hinsichten ein unlösbares Problem aushalten: Es muss erstens seinen Ausschließlichkeitsanspruch auf den einen Elternteil mit dem anderen notgedrungen teilen in dessen Eigenschaft als Teilhaber an der Gattenbeziehung. Es muss zweitens die gleichzeitigen Ausschließlichkeitsansprüche seiner beiden Eltern auf es austarieren. Und es muss drittens lernen, die Ausschließlichkeitsansprüche der beiden geliebten Eltern aufeinander als Gatten zu respektieren und den Status des davon Ausgeschlossenen zu ertragen, obwohl das Kind doch beide so liebt, und sie beide das Kind. Bei aller Aufgehobenheit und Geborgenheit wird erst durch diese unlösbaren Konfliktkonstellationen dauerhaft die Spannung erzeugt, die die Ontogenese des Kindes in Richtung einer reifen Sexualität antreibt.

Das Kind muss ja vor allem versuchen, jene Sphäre der Gattenbeziehung zwischen seinen Eltern, die ihm gänzlich verstellt ist und die ihm in dem Maße, in dem sie durch ihr lebendiges Funktionieren unerreichbar wird, zugleich als verlockend erscheint, so schnell wie möglich selbst zu erreichen. Dabei wird ihm klar, dass das nur möglich ist um den Preis der Ablösung aus seiner Herkunftsfamilie, was wiederum wirksam nur in dem Maße gelingen kann, in dem man die Bindung in einer eigenen Paar- und später Gattenbeziehung findet.

Es ist vor allem diese Strukturlogik und -dynamik der ödipalen Triade, die die Familie als sozialisatorische Praxisform unersetzlich macht. Keine institutionalisierte Pädagogik kann hier substitutiv etwas ausrichten. Sie kann – über ihre Wissens- und Normvermittlungsfunktion hinaus – nur mildern und amplifizieren und hat hierbei genügend damit zu tun, Entgleisungen auf diesem schwierigen Terrain zu vermeiden. Gegenwärtige pädagogische Wissenschaft und auch weite Bereiche der Familien- und Bildungspolitik gründen sich aber in quasi omnipotenter Machbarkeitsphantasie auf solche Prämissen der Substituierbarkeit der Familie.

Das Kind selbst – und das ist für unsere Thematik des Missbrauchs ganz entscheidend – kann zunächst diese beiden »Lieben« als Affekte ebenso wenig unterscheiden wie viele Familientheoretiker und wie die sexuell Übergriffigen im Erziehungssektor, weil ihm die Logik der beiden Beziehungstypen »Gatten« und »Elternschaft« noch nicht geläufig sein können. Um diese Unterscheidung nicht nur auf der Ebene des bloßen Wortwissens, sondern auch in der praktischen Erfahrung treffen zu können, muss es sowohl geschlechtsreif sein wie auf der Ebene der Kultur eine auf Individuierung und auf erfolgreicher Ablösung aus der Symbiose beruhende Paar- und später Gattenbeziehung leben können.

Würde man geschlechtsreif werden, ohne zuvor die der Differenzierung der Gatten- und Eltern-Kind-Beziehung entsprechende Sinnlogik erkannt und verinnerlicht zu haben, dann würde alles im Chaos der bloßen Triebhaftigkeit untergehen, und nichts sinnlogisch Angemessenes könnte sich dann mehr bilden. Wir müssen also davon ausgehen, dass das aufwachsende Kind erst später, nachdem es schon die »Erbsünde« der Verwechslung und Vermischung von Eltern-Kind- und Gatten-Liebe begangen hat, nun auch nachträglich darüber erschrecken muss und im Maße dieses Erschreckens sich das Inzesttabu zu eigen macht, auf dessen Grundlage es eine eigene Zeugungsfamilie gründen wird, in der es beides zugleich sein kann: Gatte und Elternteil.

Insofern ist es meines Erachtens auch immer falsch gewesen, die Ödipustheorie der Psychoanalyse so zu deuten, dass das früh-sexuelle männliche Kind tatsächlich im reifen Modus der Geschlechtlichkeit mit der Mutter schlafen und entsprechend den Vater als Rivalen umbringen will. Freud wusste genau, dass das in der griechischen Ödipussage, die als Veranschaulichungsmodell seiner Einsichten diente, gar nicht der Fall war: Das schreckliche Schicksal nahm unentrinnbar seinen Lauf, weil der jugendliche Ödipus sich dem Orakelspruch, er werde diese Verbrechen begehen, unbedingt entziehen wollte – deshalb verließ er ja seine irrtümlich für die leiblichen Eltern gehaltenen Pflegeeltern! Am Ende nahm dieser Ödipus die ihm subjektiv gar nicht zurechenbare, aber objektiv durch seinen Leib vollzogene Schuld auf sich, ließ sich blenden und machte sich als Geblendeter auf den Weg ins Unbekannte, in eine offene, ungewisse Zukunft.

Dieser Ödipus entspricht also viel mehr dem Kind, das nachträglich etwas, was auf Nicht-Unterscheidbarkeit zurückging, als Quelle von Schuld übernimmt; etwas, was subjektiv gar nicht zuzurechnen war, aktuell aber um so mehr zu vermeiden ist: die Vermischung von nichtsexueller Eltern-Kind-Beziehung und sexueller Gattenbeziehung. Dieser Deutung des notwendigen ödipalen Konflikts entspricht die in der soziologischen Rezeption Freuds, vor allem auch in der Achtundsechziger-Zeit, sträflich vernachlässigte Grundidee der Zweizeitigkeit der psychosexuellen Entwicklung. Die erste Zeit kann eben nicht die der biologischen Geschlechtsreife sein. Sobald diese, in der zweiten Zeit, eintritt und damit die Phase der Adoleszenzkrisenbewältigung eröffnet wird, muss grundlegend die Sinnlogik der reifen Sexualität (was Freud mit dem Terminus des »Genitalprimats« belegt) schon durch Verinnerlichung von Beziehungsstrukturen eingerichtet sein.

Genau das vollzieht sich für Freud durch den Untergang des Ödipuskomplexes in der ersten Zeit und den Eingang in die Latenzphase, in der Raum und Zeit für die reiche kognitive Entwicklung bis zum Eintritt in die Adoleszenzkrise geschaffen sind. Die damit verbundene Verinnerlichung von symbolischen Strukturen enthält wesentlich die Differenzierung von Eltern-Kind- und Gatten-Beziehung innerhalb der beschriebenen Dynamik der ödipalen Triade, die aber eben ohne die praktische Erfahrbarkeit des Vollzugs dieser kategorialen Differenz am eigenen Leibe auskommen muss.

Wo in Korrelation mit der Ausdifferenzierung von Gesellschaften die Adoleszenzkrisenbewältigung als das Moratorium zwischen Austritt aus der Kindheit und Eintritt in das Erwachsenenleben, in dem man sich endgültig in den drei Hinsichten der individuellen Leistung, der Elternschaft und des Beitrags zum Gemeinwohl bewähren muss, notwendigerweise immer ausgedehnter werden muss, wird auch das Problem der sozialen Bewältigung sexuellen Begehrens innerhalb dieses Moratoriums immer anspruchsvoller.

Es muss in diesem Moratorium die schwierige Balance zwischen authentischer Leiberfahrung und sozialer Validität der Beziehungen gehalten werden. Sexuelle Übergriffe, die ihrer Natur nach durch soziale Validierung der entsprechenden Beziehung nicht gedeckt sind, sind in dieser Phase umso folgenreicher und traumatisierender. Was ins Licht rückt, wie sehr die gelingende Sozialisation auf die Lebendigkeit einer ödipalen Triade und das heißt im Hirtendeutsch: einer lebendigen Kernfamilie angewiesen ist. So gesehen verweisen die Übergriffe, die jetzt als Skandale publik geworden sind, die aber bei nüchterner Betrachtung vor allem die dauernden Entgleisungen in einem schwierigen Feld der Differenzierung der zwei für das kulturierte Sozialleben konstitutiven basalen Beziehungsformen Gatten- und Eltern-Kind-Beziehung sind, letztlich auf ein Versagen der Sozialisationsfunktion von Familie, manifest bei den Tätern und latent bei den Opfern.

Dass dabei auch ideologische Positionen pädagogischer Betreuung mittelbar eine Rolle spielen, beschränkt sich allenfalls auf die Erleichterung von Ausreden für ein aber ganz anders verursachtes Entgleisen. Nichtfamiliale Erzieher haben es da nicht einfach, wenn sie nicht selbst »ödipal« gut sozialisiert sind. Denn dann müssen sie sich – allein durch das Gewissen geleitet und ohne hinreichende affektlogische Steuerung – an die explizit im moralethischen Diskurs festgelegten Normierungen im Allgemeinen und für ihren Beruf im Speziellen halten, und die können hinsichtlich der Unklarheiten von Nähe und Distanz für den missbräuchlichen Übergriff entweder erleichternd sein oder erschwerend. Im zweiten Fall führen sie leicht zu Reaktionsbildungen beziehungsweise zur Abspaltung von repressiver Moral und dem Ausagieren primitiv abgewehrter Begierden. In solchen Fällen liegen dann auch brutale Züchtigungen und triebhafte Übergriffe nah beieinander.

Wenden wir nach dieser Vergegenwärtigung der Strukturlogik der ödipalen Triade den Blick zurück auf die jetzt im Fokus der öffentlichen Debatte stehenden Fälle von sexuellem Missbrauch in den Erziehungsinstitutionen und versuchen, sie besser zu verstehen. Wir müssen dann vor allem zwei Dimensionen der Differenzierung im Auge haben, die für das Verhältnis von Familie und Erziehungsanstalt bedeutsam sind: zum einen den Umstand, ob die Schüler und Zöglinge – eigentlich: die Klienten von Erziehungsanstalten – noch regelmäßig täglich in ihrer Herkunftsfamilie leben oder nicht; und zum anderen, ob sie schon in die Pubertät und damit in die Adoleszenzkrisenbewältigung eingetreten sind oder nicht.

Betrachten wir zunächst die zweite Unterscheidung. Die Unterscheidung von missbräuchlicher und pädagogisch angemessener Zuwendung des Erziehers ist für die Klienten vor der Pubertät problemlos und klar, weil diese Kinder von jeglicher sexuell selbstbestimmten Praxis aufgrund ihres Entwicklungsstandes noch ausgeschlossen sind und daher jegliche sexuelle Annäherung per se unmissverständlich missbräuchlich ist. Insofern ist die pädagogische Beziehung zu Kindern dieser Kategorie einfach zu bestimmen.

Kehrseitig dazu wird sie aber dadurch erschwert, dass diese Kinder von sich aus noch nicht stabil zwischen der Position von Eltern und von Erziehern unterscheiden können und dazu neigen, im Lehrer schlechterdings keinen Rollenträger, sondern den Partner in einer diffusen Sozialbeziehung zu sehen, weswegen man auch in einer soziologischen Professionalisierungstheorie das professionalisierte pädagogische Arbeitsbündnis zwischen dem Lehrer und seinem Schüler als eine widersprüchliche Einheit von diffusen und spezifischen Beziehungsanteilen – analog zum Arbeitsbündnis zwischen Arzt und Patient – modellieren müsste. Aber dass die Professionalisierung der pädagogischen Praxis nach diesem Modell nirgendwo bisher gelungen ist und auch nicht gelingen wird, solange die gesetzliche Schulpflicht bestehen bleibt, das steht auf einem anderen Blatt und kann hier nicht behandelt werden, obwohl die ganze pädagogische Debatte ohne den Einbezug der Professionalisierungstheorie letztlich in der Luft hängt.

Lehrer dieser Kategorie von Kindern vor der Pubertät stehen also vor allem auch vor dem Problem, wie sie mit den aus dieser Diffusitätserwartung herrührenden Nähebedürfnissen umgehen. Sie müssen ja den Schüler in seiner Entwicklungsdisposition realistisch anerkennen, das heißt sie müssen sich ihm verständnisvoll zuwenden können, ohne die Nähe von Eltern sich anzusinnen. Das ist nun in einem internatsförmigen Schulbetrieb, in dem die Kinder wenigstens die ganze Werktagswoche rund um die Uhr mit ihren Erziehern zusammenleben, allein vom Zeitbudget her sehr viel schwieriger und anspruchsvoller als im üblichen Schulbetrieb. Kinder in diesem Alter haben denn auch sozial vollkommen berechtigt permanent Heimweh. Andererseits haben sie sehr häufig aber auch, indiziert durch ihre Verbringung ins Internat, mit ihren Familien und in ihren Familien große Probleme und sind deshalb häufig schon erheblich gestört. Denn welche ihre Kinder wirklich liebenden Eltern geben diese im Alter vor der Pubertät schon gerne an eine Erziehungsanstalt ab, ohne dass es zwingende Gründe dafür gibt?

Bei Schülern in und nach der Pubertät liegt das Problem anders, vor allem deshalb, weil ihre leibliche Konstitution sich radikal geändert hat und nach entsprechenden Erfahrungsmöglichkeiten in ihrem Bildungsprozess verlangt. Sie sind aber sozial von der Teilhabe an einer erwachsenen Praxisform noch weit entfernt. Umso leichter sind sie verführbar, obwohl sie andererseits, was ihre Ablösung von der Herkunftsfamilie anbetrifft, doch schon erheblich belastbar sind, so dass viele der Probleme, die sich für die vorpubertären Schüler in dieser Hinsicht stellen, bei ihnen entfallen. Aber in dem Maße, in dem sie in der Wahrnehmung dieses ihres neuen Altersstatus noch verunsichert sind, werden sie in Erziehungsanstalten, die Schüler vor, in und nach der Pubertät rund um die Uhr beherbergen, sich den jüngeren Schülern gegenüber tendenziell roh und dann auch zuweilen in sexueller Hinsicht missbräuchlich verhalten. Jedenfalls bietet dieses Verhältnis der Altersgrup pen zueinander vielfältige Gefahrenpotentiale für die Bildung von Täter-Opfer-Konstellationen.

Für die älteren Schüler ist die Internatssituation vor allem dann, wenn sie sich mit siedlungsbezogener Abgeschiedenheit verbindet, zwar weniger ein Problem der Trennung von der Herkunftsfamilie, aber in starkem Maße doch auch eine Beschränkung einer Privaträumlichkeit in der Ausgestaltung von persönlichen Beziehungen und der individuierten Teilhabe am öffentlichen Leben – also genau jener Lebensformen, in denen die altersangemessenen Erfahrungen der eigenen Sexualität sich konstituieren können. Das alles erklärt, warum die jetzt diskutierten Fälle von außerfamilialem sexuellen Missbrauch vor allem aus den Klosterschulen und Internaten gemeldet werden.

Aus der in unseren Gesellschaften lang ausgedehnten Phase zwischen dem Eintritt in die Pubertät und dem Eintritt in das selbstverantwortliche Erwachsenenleben ergibt sich im Hinblick auf die mit diesem Moratorium wachsende pädagogische Betreuung das Dauerproblem, wie einerseits die nach Selbsterfahrung und Selbstthematisierung drängende Sexualität der Adoleszenten angemessen und offen, ohne verbiegende Beschränkungen zur Sprache gebracht und behandelt werden kann; und wie andererseits die für den Bildungsprozess zentrale Öffnung und Förderung dieser Erfahrungsmöglichkeiten so gehandhabt wird, dass dabei die Grenze zum sexuellen Vollzug auch in seinen Anfängen im Umgang mit dem erzieherischen Personal unmissverständlich eingehalten wird.

Je anspruchsvoller die Sozialisation im verlängerten Moratorium der Adoleszenzkrisenbewältigung wird, desto bedeutsamer wird eine befreiende und zur sexuellen Selbstbestimmung hinführende Thematisierung von sexuell bestimmter Leiblichkeit. Dass die Achtundsechziger darin als Avantgarde Bedeutsames geleistet haben, wird wohl unbestritten sein. Aber in der Achtundsechziger-Kultur und danach ist die angebliche sexuelle Liberalisierung oder gar Befreiung doch sehr häufig missverständlich ineinander geflossen mit einer öffentlichen Zurschaustellung, in der die für die Sublimierungen einer reifen Sexualität notwendige Abgrenzung und Achtung von Räumen der Intimität niedergerissen und als bürgerlich rückständig desavouiert wurden.

Im selben Atemzug wurde die Familie als unverzichtbare Sozialsphäre bis zur Häme hin für erledigt und überkommen erklärt. Die Bedeutung der ödipalen Strukturen sozialisatorischer Praxis wurde selbst in den dafür zuständigen Theorien eine lange Zeit missachtet oder allenfalls spöttisch behandelt. Man muss aber die Freizügigkeit und Unbefangenheit in der Thematisierung von Sexualität gerade auch im pädagogischen Feld analytisch trennen sowohl von der Kopplung an die Entgrenzung der Intimität, die als Voraussetzung für Sublimierung zu gelten hat, als auch von der Desavouierung der Familie als angeblichem Hort einer repressiven Sexualmoral: In Wirklichkeit ist sie unersetzlicher Strukturort einer basalen Beziehungsdynamik.

Letztlich hängt das alles an dem Problem der leiblichen Positionalität. Der Leib ist mein Körper als mein Innen und mein Außen zugleich, als dieje nige Verfassung und derjenige Gegenstand, durch die und an dem einzig ich mich selbst erfahren kann als Subjekt von Leiden und von Glück, als das Subjekt, das einzig in der Bewältigung von Krisen sich als solches erfährt und konstituiert. Das kann man sich an der kategorialen Differenz von Scham und Schuld klarmachen. Schämen muss ich mich nur, wenn ich meinen Leib im Angesicht anderer, die mich als Kulturwesen anerkennen sollten, nicht unter die sublimierende Kontrolle der Kultur gebracht habe, wo ich dazu verpflichtet gewesen wäre. Sobald ich alleine bin, brauche ich mich nicht mehr zu schämen. Schuld aber bohrt als Schuldbewusstsein weiter, unabhängig davon, ob ich mich vor anderen bewege oder alleine bin.

Scham entspringt also der Leiblichkeit, mit der wir der Natur zugehören. Doch diese Leiblichkeit, die Scham hervorruft, ist auch Quelle von Glück, wenn wir sie als befriedigte erfahren, vor allem in der Sexualität, aber auch in der Nahrungsaufnahme, in der Nähe zu anderen. Damit Leiblichkeit diese Quelle von Glück sein kann, muss sie sozial und kulturell durch die Differenzierung von Intimität und Öffentlichkeit, von Innen und Außen markiert sein. Wo diese soziale Markierung stabil ist, wo Intimität sozial gewährt wird und in Anspruch genommen werden kann, da wird unsere Animalität, unser Zur-Natur-Gehören, Quelle der Erfüllung und der positiven, positionsbestimmenden Selbsterfahrung.

Die Psychoanalyse benötigt nicht deshalb eigens eine Triebtheorie, weil sich die Antriebsbasis des Menschen von der der höheren Säugetiere physiologisch-morphologisch grundlegend unterschiede, sondern weil einzig der Mensch das Problem hat, diese Antriebsbasis an seinem eigenen Leibe erkennen und erfahren zu müssen, um damit als Kulturwesen umgehen zu können. Und dieses Problem ist gerade deshalb so gewaltig, weil wir uns in unserer Antriebsbasis von den Tieren so gut wie nicht unterscheiden.

Deshalb ist es also in den Sozialwissenschaften und in der Ethik ganz falsch, den Leib vor allem als Quelle der Störung, der Irrationalität oder der Pathologien zu sehen. Der Leib, vor allem unter dem Gesichtspunkt seiner sexuellen Bestimmtheit, ist zuvorderst die Quelle des Glücks, des Lebens. Und ihn als solchen zu erfahren ist in der Sozialisation ständig gefährdet. Unter diesem Gesichtspunkt sind die sexuellen Übergriffe folgenreich. Bodo Kirchhoff hat das in seinem schonungslosen Bericht im Spiegel (15. März 2010) über den von ihm selbst erfahrenen Missbrauch durch einen Erzieher in einem evangelischen Internat plastisch zum Ausdruck gebracht: »ich war ein sprachloses Kind mit Schwanz«, dessen Sexualität leiblich brutal geweckt wurde, bevor ihm die sublimierende Sprache zur Konstitution dieser Erfahrung zur Verfügung stand. Kirchhoff hat darin im Grunde geschildert, was passiert, wenn die zweite Zeit der Errichtung des Genitalprimats abgerufen wird, bevor die erste erfüllt ist.

Wenn die eingangs erwähnte Empörungswelle sich zum kollektiven Diskurs aufsteigert, dann reproduziert sich darin etwas von der Tabuisierung des Dauerproblems der Sozialisation: der stabilen Differenzierung von Eltern-Kind- und Gatten-Beziehung in allen Hinsichten einschließlich der beteiligten Affekte. Statt dieses Dauerproblem als solches anzuerkennen und die Schwierigkeiten seiner Bewältigung, vor allem auch die sozialisatorische Leistung von Familien gelten zu lassen, werden plötzlich, so scheint es, alte Rechnungen beglichen zwischen ideologischen Positionen. Da werden dann über die fraglose Ächtung manifester sexueller Übergriffe hinaus alle möglichen Dinge zusammengerührt.

Die Ideologiekritiker aus der liberalen Ecke, aus der heraus sie wahrscheinlich die Aufklärung mit dem Atheismus nach wie vor verwechseln, erkennen die katholische Kirche wieder als die Repressionsanstalt des Mittelalters und vergessen, was dieser Anstalt in der europäischen Entwicklung an Befreiungsleistungen zu verdanken ist in Richtung Freiheit des Subjekts, Friedensordnung und Gleichberechtigung der Geschlechter; die Ideologiekritiker, denen ’68 und die Folgen für das Bildungssystem schon immer ein Dorn im Auge waren, rühren sich wieder und zeichnen die Linien zwischen Kulturprotestantismus, Reformpädagogik, Antisemitismus, Führerkult und entsublimiertem Körperkult neu aus.

Und damit verbinden sich in einer latenten Abwehrfunktion, die der Dialektik von Ideologiekritik innewohnt, für die immer die anderen die unaufgeklärt Scheiternden sind, folgenreiche begriffliche Rückfälle, deren theoretische Klärung der Soziologie aufgegeben bleibt: Dann nämlich lässt sich weder die arrogante Entwertung der Familie aufrecht erhalten noch die kaltschnäuzige, an die Repressivität bürgerlicher Disziplinierungsrhetorik erinnernde Verschmähung von Nähe im pädagogischen Verhältnis. Familie ist, entsprechend der hier reklamierten Modellbildung, eben nicht ein System der Vergesellschaftung, sondern ein Gebilde der Vergemeinschaftung. Und diese Logik der Vergemeinschaftung reicht als Konstitutivum in das professionalisierungsbedürftige pädagogische Arbeitsbündnis hinein wie in jedes Arbeitsbündnis zwischen einem professionalisierten Experten und seinem Klienten.

Mit den heute in den Sozialwissenschaften dominierenden Systemtheorien und Theorien rationalen Handelns lässt sich diese Strukturlogik von Vergemeinschaftung nicht angemessen fassen, sondern nur denunzieren. Und genau das dringt gegenwärtig bis in die sich als überlegene Ideologiekritik gerierenden Schuldzuweisungen praktisch folgenreich ein. Ideologiekritik als Entlarvung vermeintlich falschen Bewusstseins war aber immer schon die hohle Form der Verwirklichung der methodenkritischen Funktion von Sozialwissenschaft als Erfahrungswissenschaft: jene Hohlform, die die bequeme Vermischung von praktischer und methodischer Kritik als höchste Verwirklichung von kritischer Intellektualität vorgaukelte.

© Merkur, Nr. 734, Juli 2010

© Merkur (www.online-merkur.de)