© Merkur, Nr. 728, Januar 2010 (www.online-merkur.de - Inhaltsverzeichnis dieses Heftes)
 

Gunter Schäble

CO2-Zwerge oder Mensch im Klima

Mensch und Dackel sind aus gleichem Holz. Beiden fehlt es an Faulheit, beide sind etwas zu regsam oder rastlos oder motorisch gestört und ein bisschen todessüchtig. Der Mensch geht regsam und ein bisschen todessüchtig mit dem Klima um, der Dackel ebenso mit dem Wild. Beide sind von der Ahnung beschlichen, dass sie unterliegen, wenn nicht gar umkommen könnten, was ihnen gerade recht zu sein scheint, und ihr etwas todessüchtiges Benehmen gegen das Wild respektive gegen das Klima ist dann eine Art gegensteuerndes, wenn auch nicht in ihr Bewusstsein dringendes Regulativ gegen die Übervölkerung deretwegen der Dackel eigentlich nicht besorgt sein müsste, weil er Geburtenrate und Population nicht selbst steuert, der Mensch wäre aber vielleicht nicht übel beraten, der überaus spannenden Frage nachzugehen, was ihn im Innersten dazu treibt, seine Welt aufzuheizen.

Aber weder Mensch noch Dackel geben etwas auf gegensteuernde Regulative; sie bestehen auf ihrer Hyperaktivität. Der Dackel sei auf der Jagd von größtem Mut beseelt, schreibt Alfred Brehm, der an ihm auch die zähe Beharrlichkeit rühmt, und dass er auf das Jagen »erpicht« sei und die Verfolgung des Wildes mit einer »unglaublichen Gier« aufnehme und dass weder Grimbart noch Reineke diesem Kampfesmut standhalten könnten. Die Jagdbegierde des Dackels überwindet, ganz wie die des Menschen, der seine Jagdziele, beispielsweise die Manganknolle, mit der gleichen Erpichtheit verfolgt, alle Furcht vor Strafe; auch sein Angriff auf größere Hunde, »die ihm eine offene Niederlage in Aussicht stellen«, sei furchtlos, und er gehe selbst auf das größte Wild »tolldreist« los.

Brehm braucht es nicht zu sagen, aber der Dackel ist in seinem jagdleidenschaftlichen Treiben so glücklich wie der Mensch in dem seinen, der von ähnlichen »anonymen, allgegenwärtigen und ewig betriebsamen Kräften« (T. C. Boyle) angestachelt wird. Der Mensch besteht ansonsten hauptsächlich aus dem »unentwegten Drang zur Innovation« und aus dem Gefühl, »nichts auf der Welt sei gut genug, und alles müsse verbessert werden« (Erwin Chargaff), was allein schon sein Fallissement erzwingen muss. Und fehlt dem Dackel auch dieses Innovative, so ist er doch, wie wir, in tiefster Seele und in jeder Lebenslage geschäftig und fähig, immer, auch angesichts von Rottweiler und Keiler, Handlungsbedarf zu erblicken.

Schon Verres hatte das Unentwegte, es war noch nicht auf seine Umwelt gerichtet, sondern auf die Statuen in Aspendos. Er ist schon im ersten Jahrhundert vor Christus gegen die Kultur so tolldreist vorgegangen wie Mensch und Dackel später und überhaupt gegen den Keiler und die übrige Umwelt. Verres räumte, als er zwischen 79 und 71 in Kilikien und Sizilien erst Proquästor des Statthalters und dann selber Statthalter war, einfach alles an Statuen ab, was abräumbar war, und schaffte es fort. Aus Aspendos, das nicht einmal in Kilikien lag, aber von dort erreichbar war, und Erreichbarkeit empfand Verres, wie später die Ölindustrie, als ultimativen Appell zum Handeln, transportierte er, glaubt man Cicero, nichts nicht ab. »Ich will nicht behaupten«, will Cicero gerufen und so dem Verres die offene Niederlage bereitet haben, »von dort sei diese oder jene Statue abhanden gekommen; ich behaupte vielmehr: Du hast keine Statue in Aspendos zurückgelassen, Verres; sie sind alle vor aller Augen aus den Heiligtümern und von den öffentlichen Plätzen auf Wagen abgefahren und fortgeschafft worden.«

Unablenkbare, glücklich machende Erpichtheit auf das Fortschaffen. Dabei ist das Fortschaffen doch nur eine Nebentätigkeit unter unseren zahllosen klimatischen Aktivitäten. Die erwähnten Manganknollen will das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie fortschaffen, es handelt dabei, wie Verres, unter Zwang. Verres musste der Statuen habhaft werden, er sah keine andere Möglichkeit für sich. Das Bundesministerium muss der Manganknollen, die auf dem Meeresgrund herumliegen und aus lauter begehrenswerten Metallen bestehen, habhaft werden, weil es zur Manganknolle keine Alternative sieht und die Verwendbarkeit der Manganknolle beim Wachsen und beim Ausstoßen von Kohlendioxid (CO2), worum es ja nur geht, es dazu »zwingt«, so die Koordinatorin der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft, Wöhrl, froh und mit fast dem Enthusiasmus, mit dem etwa die Oriental Timber Corporation zwischen 1999 und 2003 Urwaldholz aus Liberia abtransportierte. Auch die OTC hatte diesen unablenkbaren, ultimativen, ja verresschen Elan und 130 OTC-Lastzüge, die nach Zeitungsberichten rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche, in sozusagen ununterbrochenem Convoy, auf breitesten Pisten urwaldholzbeladen dem Verladehafen entgegentobten, dass Kies und Funken nur so stoben, bis die Uno ein Embargo verhängte. Aber da hatte die OTC schon Urwaldholz aus einer Fläche, so groß wie das Saarland oder doppelt so groß, genau weiß das niemand, glücklich in Sicherheit gebracht.

Gelingt so etwas, leuchten die Augen der Urwaldholzabtransporteure, wie auch die der Flughafenerweiterungspolitiker leuchten, wenn sie nach schweren Kämpfen mit der Bürokratie »Gewonnen!« rufen. Im Dezember 2007 sah man Alois Rhiel, der damals hessischer Wirtschaftsminister war, den »Planfeststellungsbeschluss« zum Bau einer weiteren Landebahn und eines Terminals für den Frankfurter Flughafen verkünden, und er war dabei, seinem Gesichtsausdruck nach, der glücklichste Mensch von der Welt: Endlich würde man mit dem einheimischen Waldabtransport beginnen und danach die Starts und Landungen von 500 000 auf 700 000 und die Passagiere von 53 auf 88,6 Millionen und damit den CO2-Ausstoß ins Ungeahnte steigern können. Nichts kann einen Menschen und Minister glücklicher machen.

Nur trifft man immer mehr, die dem CO2-Ausstoßen unfroh gegenüberstehen und sich und uns davon den Weltuntergang versprechen, uns aber vorher noch retten wollen. Sie schreiben, wie T. C. Boyle, Klimakatastrophenwarnromane (Ein Freund der Erde), die teilweise im Jahr 2025 spielen, die Gegensteuerung funktioniert da schon: Es dampft alles von dem ewigen warmen Monsungewitter, alles ist glitschig, auch die Teppiche glucksen vor Nässe, die Fenster sind gegen den unaufhörlichen Hurrikan und die umherfliegenden Bäume verbarrikadiert, überall Nacktschnecken und Pilzbefall, man sieht die Sonne schon nicht mehr vor lauter Regenschleiern, man spürt sie umso mehr, als Hitze, als CO2-Hitze, und kommt, wenn man überhaupt noch übrig und nicht schon verschmachtet ist, aus dem Schweißabwischen, dem Keuchen und der Depression gar nicht mehr heraus.

Diese katastrophischen Leute treten auch in den Fernsehnachrichten auf, wo man sie an ihren meteorologisch betrübten Mienen erkennt. Und sie treiben die Welt in immer kürzer werdenden Abständen auf sogenannte Klimagipfel, und jedes Mal muss sie neue Klimaziele und Fördergelder für Klimaschützer beschließen. Bei Václav Klaus (Blauer Planet in grünen Fesseln, 2007) und Michael Crichton (Welt in Angst, 2005), die beide keine Klimaschützer sind respektive waren, Crichton ist 2008 gestorben, lesen wir, dass Klimaschützer »antihuman« und eine Bedrohung für alle Demokraten sind: Wer ihnen mit vernünftigen Gegenargumenten kommt, den bringen sie zum Schweigen; töricht, wie antihumane Menschen nun sind, wissen sie gar nicht, was der Natur wirklich nützt, nämlich nur »Markt, Preise, Privateigentum und Profit« (Klaus). In Amerika kaufen sie sich vor Klimakonferenzen Ladungserzeuger, Partikelzerstreuer, Impulsgeneratoren, transportable MHD-Einheiten, Hyperschall-Kavitationsgeneratoren und kegelförmige Precision Timed Blasts, womit sie die Erde zum Wackeln bringen, die Konferenzteilnehmer aufschrecken und weitere Fördermittel ergattern wollen, nur eine Handvoll unerschrockener Nordamerikaner unter Führung des bewundernswerten Geheimdienstagenten Kenner kann ihre teuflischen Pläne im letzten Augenblick verhindern (Crichton).

Diese antihumanen Menschen bilden den politisch-juristisch-medialen Komplex PJM (Crichton), der 1989 nach dem Fall der Mauer die Geschäfte des Vorgängerkomplexes, des militärisch-industriellen Komplexes MIK, übernommen hat. Das Geschäft des PJM besteht darin, den westlichen Teil der Menschheit, dem damals seine Kommunistenangst plötzlich abhanden kam, mit einer neuen Art von Angst aufzufangen, der vor Klimaerwärmung und Klimakatastrophe durch das CO2-Ausstoßen. Angst brauchen die Menschen, so der PJM, sie halten dann besser zusammen, sie sind nicht so unbequem und trödeln nicht auf der Autobahn. Niemand wagt, die Namen der Leute vom PJM, den es vielleicht nicht einmal gibt, zu veröffentlichen, aber für Crichton war klar, dass auch die vom scheinbar so wissenschaftlichen Intergovernmental Panel of Climate Change IPCC dazu gehören: Man hat sie alle umgedreht. Sie reden der Menschheit ein, sie erhitze das Klima durch fortgesetztes und gesteigertes CO2-Ausstoßen und lustloses CO2-Verringern unverantwortlich, und sie zwängen die Regierungen, Freiheitsbeschränkungen dagegen zu ergreifen (Klaus). Es handelt sich bei ihnen um Verschwörungshysteriker wie bei den Eugenikern unseligen Angedenkens (Crichton), kurz, um Leute, die man als »Environmentalisten« (Klaus) beschimpfen sollte. Alle ihre »Beweise« bestehen aus getürkten Klimaerwärmungsgrafiken, Machthunger und Fördermittelgier. Es gibt übrigens gar keine Erwärmung, jedenfalls keine durch das CO2-Ausstoßen, das als solches keine unbillige Tä tigkeit ist, und das Meer steigt auch fast gar nicht an (Crichton), und wenn es doch ansteigt und wenn die Erwärmung vielleicht doch stattfindet, dann wird das Problem, das aber gar kein richtiges ist, jedenfalls kein CO2-Problem, durch das »natürliche und eigenständige Verhalten der Menschheit wirkungsvoll gelöst« werden (Klaus). Crichton und Klaus halten uns, edelmütig und wohlmeinend, wie sie sind (waren), einfach nicht für doof genug, um alle diese Klimagemeinheiten zu begehen, aber die Wohlmeinenden werden leider oft nicht gehört.

Dabei füllen wir unsere Rolle als CO2-Vermehrer mit natürlicher Begabung aus, und bei so viel Regsamkeit sollte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis wir alle warm damit werden. Wir tun das Menschenmögliche für den Weltuntergang; der PJM sieht ihn schon gelingen, Klaus und Crichton hingegen halten (hielten) alles noch so vermehrte Ausstoßen wenn nicht geradezu für eine Bereicherung der Atmosphäre, so doch für vergebliche Liebesmüh. Man könnte sich darauf verständigen, ut desint vires, tamen est laudanda voluntas: weil sich der Mensch bei seinem Versuch, die Welt zu erhitzen, doch strebend bemüht und in magnis et voluisse sat est.

Aber der PJM hat inzwischen die Deutungshoheit an sich gebracht, auch über uns Zeitungsleser, und ein CO2-Ausstoßvermehrer muss heute schon als CO2-Ausstoßverminderer auftreten, wenn er nicht in der nächsten Talkrunde gestäupt werden will; sogar die Deutsche Telecom muss sich zu equestrischen Mühseligkeiten herbeilassen und als »Vorreiter bei der Emissionsreduzierung von klimarelevanten Treibhausgasen« herumgaloppieren. Viele früher tapfer gewesene Unternehmer machen den Knicks, als hätten sie ihn heimlich geübt, und alle verbinden, so steht es jetzt jeden Tag im Wirtschaftsteil, den ökonomischen Aspekt mit dem ökologischen und den Tourismus mit dem Umweltschutz und diesen wiederum mit dem Arbeitsplatz. Die nicht ganz und gar antihumanen unter den Klimaschützern vom PJM können damit wieder eingefangen werden.

Ganz wehrlos macht es sie aber, wenn man sie, wie Wulf Bernotat von Eon, mit ihren eigenen Waffen bekriegt, der befand, dass die Kohlekraftwerke für den »wirksamen« Klimaschutz »unverzichtbar« seien. Vorausschauende Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende setzen schon jetzt ganz auf das Klimaschützerische und bereiten so den Sieg des Elektroautos vor, weil sie sich dann, um die klaffende Lücke in der Stromversorgung zu schließen, gezwungen sehen werden, die dafür benötigten Klimaschutz-Kohlekraftwerke zu bauen. Man hört die Klimaschützer und die ihnen in der Naivität verwandten Naturschützer in mitleiderregenden Gesängen einmal das Verschwinden der Polkappen, ein anderes Mal das der Brachpiper, Ziegenmelker, Raubwürger, Abendsegler und braunen Langohren im Schlaubetal, im Schaube- und im Dorchetal beklagen, währenddessen äußern sich Entscheidungsträger wie Wulf Bernotat knapp und prägnant und ziehen vorbei.

Im bernotatschen Sinn muss man neben allen anderen erfolgreichen CO2-Ausstoßunternehmen als ein schönes Beispiel auch die Lufthansa zu den unverzichtbaren Klimaschutzunternehmen zählen. Es ist eine der Erkenntnisse des Klima- und Naturschutzes, dass man zum Beispiel, wenn man was für die Tiere des Schwarzwaldes tun will, erst einen Black Forest Ultra Bike Marathon mit mehreren tausend Teilnehmern mitten durch den Wald veranstaltet. Niemand weiß besser, wie zickig etwa die Auerhühner sind, als 4000 sensible Ultrabiker, die schützend an ihren Brutplätzen vorbeibrettern und ihnen wie Erich Mielke zurufen, dass sie sie doch alle lieben. Ebenso wenig kann man zum Vorteil des Klimas und der Natur zum Beispiel eine dieser von den Grünen so geliebten Grünflächen oder Ausgleichsflächen planen, wenn man vorher nicht ein fünfzigmal so großes Gewerbegebiet geplant hat und dieses überall zubaut, nur da nicht, wo man eine Grünfläche baut; eine Grünfläche ohne ihre Bebauungsfläche ringsum hat etwas Sinnloses.

Die Lufthansa, um den Umweg zu ihr abzukürzen, spart das CO2, wie man es nur sparen kann, wenn man es noch viel tüchtiger ausstößt. Lassen wir Sitzladefaktor, Sitzkilometer und Angebotsausdünnung, ungern, außer Acht, so spart sie, wenn sie ihre Triebwerke mit mehr Liebe als bisher wäscht, 74 000 Tonnen davon. Wenn sie ihr Flugzeug, so lange sie es auf dem Boden herumfährt, mit nur einem Triebwerk antreibt, sinnvollerweise dem frisch gewaschenen, spart sie 9300 Tonnen. Führt sie einen Pilotenstreik durch, was sie im Sommer manchmal tut, spart sie je nach der Zahl der Flüge, die sie ausfallen lässt, bis zu 19 000 Tonnen – alles in einem einzigen Jahr! Am charmantesten spart sie mit ihrem Paperless Cockpit, in das die Piloten kein schweres Papier mehr mitschleppen sollen, Checklisten, Pornohefte, das im Gewicht mehreren etwas korpulenten Passagieren entsprochen haben muss, denn mit dem Sans-Papiers-Cockpit will die Lufthansa 34 500 Tonnen CO2 sparen, die Nase hängt dann auch beim Fliegen nicht mehr so nach unten.

Das ausstoßmäßig Relative besteht erwartbarerweise darin, dass die Lufthansa zwar während ihrer Pilotenstreiks von der Beförderung einiger Passagiere abgesehen hat, andererseits aber 2008 in einem einzigen Halbjahr 28 Millionen von ihnen hierhin und dorthin geflogen hat. Sie hat das noch nicht mit dem Airbus A 380 getan, den der Hersteller einen »CO2-Zwerg« nennt, weil er pro Passagier und Kilometer nur 75 Gramm CO2 ausstößt. Sie ist noch mit Flugzeugen geflogen, bei denen sie für jeden Passagier etwas mehr, bis zu 200 Gramm je Kilometer, ausstößt. Weil aber ein Passagier ungefähr 1000 Kilometer fliegt, manchmal auch viel weiter, aber das vernachlässigen wir hier, macht das dann 200 Kilogramm für ihn, und für 28 Millionen Passagiere macht es 5,6 Millionen Tonnen CO2, was aber wieder erschreckend wenig ist angesichts der 2 Milliarden Tonnen, die allein die EU ausstößt, worin alle Dachstuhl- und Weihnachtsbaumbrände inbegriffen sind. Und wenn die Lufthansa, zwischen den Wirtschaftskrisen, ihre Passagiere im Halbjahr erst verzehn- und endlich verhundertfacht haben wird, wird sie, dann vielleicht auch ausgerüstet mit den CO2-Zwergen, die ausgestoßenen CO2-Tonnen doch nur verneunundneunzigfacht haben. Freies Passagierswachstum, erfolgreich gebremstes CO2-Wachstum.

Es geht nichts über das Wachstum, nur der Verbrauch ist ähnlich wertvoll. Wachstum ist der »archaische Positivwert« (Irenäus Eibl-Eibesfeldt), die Maximierung von allem. Einer erschließt wieder einen Industriepark, ein an derer vergrößert sein Outlet Shopping Center, wieder einer baut Landebahnen, ein vierter fliegt wenigstens noch einmal auf die Malediven, um die das Meer nicht ansteigt. Keiner steht abseits. Alle sind belebt von diesem archaischen Impuls zur Vermehrung von allem und gehorchen ihm froh. Es wäre auch wirklich etwas albern, weniger statt mehr CO2 ausstoßen zu wollen, bevor nicht völlig gewiss ist, dass es uns wirklich erhitzt, und das wird nie völlig gewiss sein. Einen, der kein Organ für das Wachstum hat, finden wir, wie sehr wir auch vom sonstigen Leben verwirrt sind, sofort heraus.

Vor einigen Jahren wurde eine Presseerklärung des Bundesverbands Schotter und Kies recht schnell als Fälschung eines befremdlichen Pressestellenleiters entlarvt und zurückgezogen, in der dieser von »Beruhigungstendenzen« in der Schotter- und Kieswirtschaft handelte; der Präsident des Bundesverbands Schotter und Kies habe betont, man habe die höchste Schrumpfungsrate seit vier Jahren zu »erhoffen«, »besonders der Eigenheimbau habe erfreulich nachgelassen«, zum Schluss habe der Präsident noch vor »Maßnahmen für sogenanntes preiswertes Bauen und das Bereitstellen von billigem Bauland« gewarnt, weil dadurch »die Schrumpfungsrate empfindlich leiden oder gar in ihr Gegenteil verkehrt werden« könnte. Ein Schotter-und-Kies-Präsident, der sich so vernehmen lässt, wäre gar nicht erst Präsident geworden, er wäre noch nicht einmal Mitglied im Bundesverband geworden. Leute, die Schrumpfungsraten begrüßen, können nirgends Mitglieder werden, sie begrüßen das Undenkbare und verhungern. Wir anderen wachsen immer und genießen das »Trachten der Organismen, ihren Fortpflanzungserfolg zu maximieren« (Eibl-Eibesfeldt). Es wäre zum Lachen, wenn uns nicht auch das Anwachsen des CO2 froh machte, wenn grade keiner von den Klimaschützern herschaut, jedenfalls vor 2025.

Alle außer uns haben diese »gegensteuernden Regulative«, wir nur das CO2. Bei günstigen Fressbedingungen maximieren die Mäuse zwar ihren Fortpflanzungserfolg fast wie wir, bei ungünstigen oder wenn gerade die Katzen am Maximieren sind, brechen sie wachstumstechnisch beklagenswert ein, und es kommt, ohne dass die einzelne Maus darauf Einfluss nehmen könnte, zur »Erschöpfung der Lebensgrundlagen«. Es gibt da »systemerhaltende, dämpfende Regelkreise«, und »Populations-Explosionen werden durch Limits ihrer Ressourcen eingebremst, Überfressen durch Übelkeit« (Rupert Riedl). Der regulative Feind, der aber nur das Gleichgewicht wiederherstellen will, lauert immer schon vor dem Mauseloch. Nur uns dämpft keiner. Wir sind zwar vertraut mit der Übelkeit und dem Überfressen, und es haben Leute wie Arno Schmidt in der Vergangenheit in fast jedem ihrer Bücher den Vorschlag gemacht, uns durch Geburtenkontrolle auf zehn Millionen einzubremsen, aber diese Leute haben sich immer selbst zu den Nichteinzubremsenden gezählt. Arno Schmidts Vorschlag und der dieses ebenso merkwürdigen Kies-und-Schottersprechers taugen nicht als gegensteuernde Regulative. Im Gegensatz zur Maus fürchten wir nicht Hölle nicht Katze, wir bringen fast alle unsere Jungen durch und sehen weit und breit niemanden, von dem wir uns die Limits zeigen lassen wollten; das müssen wir ganz alleine tun: Also haben wir das CO2 zu unserem Limit erwählt.

Wir werden bei unserem Wachsen und Gedeihen beflügelt von »Neugier und Entdeckerfreude« (Eibl-Eibesfeldt). Man sieht beides diesem Herrn vom Stadtplanungsamt an, der mit dem verkaufswilligen Landwirt in Gummistiefeln auf dessen Acker herumstapft und mit raumgreifenden Armbewegungen erläutert, wo er die Halbleiterfabrik aus dem Gras wachsen sieht und wenig später auf einer der neuen Zufahrtsstraßen zur optimistischen Eröffnung angefahren kommt und die Schaffung von Arbeitsplätzen preist. Auch der Landwirt ist angeregt und freut sich auf die Bebauung seines Ackers. Sie mögen beide das Verschwinden von Äckern und überhaupt Gegend, aber sogar diese Liebe zum Verschwinden von Gegend ist nur ein Nebenaspekt unserer Beziehungen zum Klima. Der Mensch hat nicht nur etwas vom Dackel, sondern auch, wofür Bauer und Stadtplaner ein sprechendes Bild sind, von diesen Singvögeln, an denen Eibl-Eibesfeldt die Vorteile der »innerartlichen Aggression« beobachtet hat. Wie bei diesen die brütenwollenden Paare alle anderen ebenfalls brütenwollenden Paare wegekeln, damit sie das Weite suchen müssen, sich aber eben dadurch über ein umso größeres Gebiet ausbreiten, ja dieses für die eigene Art erobern, ganz so vertreiben sich die Menschen aus den Innenstädten, die sie zu dem Zweck ungemütlich und teuer gestalten, in das Umland, das sie erheblich gründlicher erobern und erschließen und mit Doppelhaushälften und Chipsfabriken bedecken, als Eibl-Eibesfeldts Singvögel das je könnten, denen auch keine Pendlerpauschale zum steuerbegünstigten Hin- und Herfliegen und zur Steigerung des CO2-Ausstoßes zur Verfügung steht.

Der Mensch versucht, im Gegensatz zum Dackel, zum Singvogel und zur Maus, die auf Feinde angewiesen sind, seine Lebensgrundlage durch CO2-Vermehrung eigenhändig, jedoch mit Schmackes, zu erschöpfen. Vom CO2 gibt es, kann man schon in einem Konversationslexikon aus dem späten 20. Jahrhundert lesen, vorderhand 2,5 Billionen Tonnen in der Atmosphäre, die ihrerseits aber 1,5 Billiarden wiegt, was so unglaublich viel mal mehr ist, dass es gar nicht zu sagen ist. Bei Crichton (Originalausgabe 2004) betrug die CO2-Menge, vermutlich etwas abweichend davon, noch ein Dreitausendsechshundertstel der Atmosphäre, aber Crichton mochte das CO2 und fand vielleicht, es gebe eher zu wenig davon. Warum das pro Sitzkilometer und auch sonst auf jede Weise ausgestoßene CO2 die Atmosphäre heiß macht, das schlägt man am besten jedes Mal wieder neu nach, weil man es nach jedem Nachschlagen schon wieder vergessen hat, es sei denn, man ist Klimatologe.

Die Erdoberfläche strahlt, wenn wir das nicht total falsch verstehen, das eingestrahlte Sonnenlicht als infrarote Wärmestrahlung teilweise wieder ins All zurück, damit es einigermaßen kühl bleibt auf der Erde. Das CO2-Molekül in der Luft absorbiert aber diese rückstrahlende Infrarotstrahlung, es hält sie irgendwie fest und verwandelt sie in Wärme, die dann nicht mehr ins Weltall zurückkann, und alles wird warm. 2,5 Billionen Tonnen CO2: Das Wetter bleibt, wie es ist. 2,6 Billionen: Es wird warm wie in dem Spiel »kalt«, »wärmer«, »warm« und »heiß«; bei »heiß« ist das Spiel zu Ende. Man misst das CO2 allerdings nicht wirklich in Billionen, sondern meistens in ppm, Teilen CO2 auf eine Million Teile Luft. Als dieses Lexikon erschien, waren das 330 ppm oder 0,033 Prozent der Luft. Das Lexikon rechnete hoch und kam für das Jahr 2000 auf 379 ppm, womit es fast richtig lag: 2007 hatten wir 383 parts CO2 auf eine Million parts frische Luft, was aber immer noch so klingt, als sei es verschwindend wenig und leicht noch vermehrbar auf 1000 oder gar 2000 Teile CO2 auf eine Million Teile frische Luft, und es klingt auch gar nicht so, als könnten wir uns mit so wenig CO2 tatsächlich per Erhitzung einbremsen, schon gar nicht, wenn die Environmentalisten ans Ruder kommen sollten. Und doch muss man über die CO2-Moleküle vielleicht besorgt sagen, was Alfred Polgar über die Theaterkritiker gesagt hat, dass nämlich schon sehr wenige von ihnen »genügen, um den beklemmenden Eindruck von sehr vielen zu erwecken«.

Das Klima gehört zur sogenannten Natur; wir machen auf es und auf sie zu eine dialogorientierte Zangenbewegung und haben es dabei nicht leicht mit ihnen. Oft nuschelt die Natur so leise, dass man unmöglich herausfinden kann, was sie eigentlich will. Sie gibt sich den Anschein, als wolle sie sich an die von uns für sie getroffenen Vereinbarungen halten und sabotiert sie dann. Sie müsste zum Beispiel längst von uns gelernt haben, wie wertvoll eine Kulturlandschaft ist. Aber wenn wir ihr einmal eine Kulturlandschaft anvertrauen, hat sie nichts Eiligeres zu tun, als sie verkrauten zu lassen und droht an, ganze Landschaften zu »verbuschen«, ja zu »verwalden«, womit sie sich aber nur selbst schadet. Sie wäre imstande, sogar Naturlehrpfade verkrauten, verbuschen und verwalden zu lassen. Sie benimmt sich wie eine Couchpotato. Sie ist wohl ein bisschen dumm und nachtragend und eine beleidigte Leberwurst. Wir reden jahrelang auf sie ein, sie schweigt, und als wir schon denken, alles sei paletti, nimmt sie plötzlich die Gletscher weg oder entblößt den Nordpol. Als ob sie uns damit treffen könnte.

Trotzdem koordinieren wir unsere CO2-Anstrengungen immer in Absprache mit ihr und der anderen Couchpotato, dem Klima. Nicht dass wir das CO2-Wachstum je aus den Augen verlören, aber immer handeln wir selbstlos und aus purer Freundschaft zu Natur und Klima wie bei dem erwähnten Black Forest Ultra Bike Marathon oder wenn wir nächtliche Freiluftkonzerte im Wald veranstalten, bei denen, wie sowohl die Veranstalter als auch der Wald finden, Natur und elektronische Musik in ein fruchtbares Gegen- und Miteinander treten, und fast war die Natur dann ein bisschen traurig, »als die DJ’s das Trommelfeuer der >House<-Beats gegen drei Uhr einstellten«. Wenn wir, etwas internationaler, an den Meeresrändern täglich ungefähr 5000 Tauchschulen gründen, so nur, um die Koralle zu bekämpfen; ein bisschen CO2 fällt zwar auch dabei ab, aber das wird von den Tauchschülern beigesteuert, die in den CO2-Zwergen angeflogen kommen, außerdem ist das Meer sowieso schon warm. Solche Sachen, zu denen auch das Überfischen der Meere gehört, machen wir mehr oder weniger gratis; klimatisch haben wir wenig davon.

CO2 vermehrt man als regsamer Mensch ganz einfach: Man fährt, fliegt, heizt, nimmt eine warme Mahlzeit zu sich, lässt den Dienstwagen nachkommen, baut sich ein Eigenheim, durchwühlt das Erdreich, schafft Urwälder fort, nutzt, renoviert, verbreitert, verlängert, vergrößert, erhöht, fährt mit einem Uniropa Rasentraktor mit Seitenauswurf herum und übt noch andere diesen verwandte Tätigkeiten aus, die alle als CO2-freundlich gelten können. Wichtig ist, sich aufopfern zu können und sein letztes Hemd für die Teilnahme an einem der begehrten Staus zu geben. Einige dieser Tätigkeiten wirken aber ein wenig unsystematisch und indirekt, die Kategorien sind etwas verlottert, und meistens bündelt der Mensch seine verschiedenen Rastlosigkeiten und übt sie alle auf einmal aus, was auch den besten Erfolg verspricht.

Aber manchmal wissen wir nicht genau, ob uns die Klimaerwärmung wichtiger ist oder zum Beispiel die Betonierung der Gegend, die die CO2-Vermehrung etwas verringerte, solange die Urwälder, die ihrerseits das CO2 fortschafften, nicht fortgeschafft waren, aber im urwaldlosen Zustand zu allem, zumindest zur CO2-Verminderungsverhinderung gut sind, so dass man die Gegendbetonierung doch wieder als Grundlage und Vorstufe der CO2-Ausstoßvermehrung ansehen darf, weil man von der betonierten Gegend aus besser auf Geschäftsreisen gehen und unbegrenzt oft mit allen Arten von Flugzeugen abfliegen kann. Man muss unsere Tätigkeiten gar nicht in Haupt- und Nebentätigkeiten einteilen, sie wirken sich am besten aus, wenn sie zusammenwirken und das Klima, um dem militärstrategischen Wesen aller dieser Tätigkeiten ein wenig Rechnung zu tragen, in einer umfassenden Zangenbewegung eingekesselt wird, aber natürlich bleibt der reine CO2-Ausstoß die Königsdisziplin.

Der Fortschritt im Waldpeeling, in der Bodenglättung und Enteisung wird in der Welt draußen nach Ländern gemessen, in Deutschland nach Fußballplätzen. Im Sommer schmilzt in der Arktis so viel Eis weg, dass man damit ganz Finnland bedecken könnte, und jemand hat 2008 auch alle fortgeschafften Urwälder zusammengezählt und ist auf eine Fläche gekommen, die so groß ist wie Griechenland, womit wir hier nicht mithalten können. Bei uns geht alles, jedenfalls im Regionalen, nach Fußballplätzen; in Baden-Württemberg sollen täglich fünfzehn solcher Fußballplätze den umfassenden Armbewegungen der Landschaftserschließer und Gewerbegebietsbewilliger unterliegen. Im Gesamtdeutschen rechnet man wieder nach Hektaren, doch ebenfalls pro Tag; die täglichen 113 Hektare lassen sich auch in Fußballplätze umrechnen, der Unterschied ist nicht zu groß, es sind aber, aufs Jahr gerechnet, so viele, dass alle Fußballvereine aller Europa-, Bundes-, Ober-, Regional-, Kreis-, Dorf- und Stadtteilligen sie nicht völlig bespielen könnten, nicht einmal, wenn sie, wachstumsorientiert, täglich zwölfmal gegeneinander anträten. Die Bundesregierung ließ wissen, dass sie die erschlossenen Hektare auf 30 am Tag vermindern will, aber sie und alle anderen Teilnehmerinnen auf den Klimagipfeln lassen auch wissen, dass sie das CO2 in der Luft verringern wollen und ebenso der Lufterwärmung Feind sind wie der Gegendbetonierung, das ist aber alles nicht so gemeint, es ist ein Gesellschaftsspiel, das entwickelte Gesellschaften gegen sich selbst spielen: erst die Gewissheit, es zu schaffen, und die aufrichtige Verblüfftheit hinterher.

Was die Betonierung anlangt, so gehorcht sie neben den von Boyle und anderen ausgemachten Antrieben zwei angefangenen Sätzen, die den gesunden Menschen, der sie vernimmt, sogleich tatendurstig mit den Füßen schar ren lassen. Der Halbsatz »Wo bisher nichts als Wasser war« verlangt nach dem Ende dieses Zustands und wurde vom Emir von Dubai mit einem Superluxushotel und einer künstlichen Insel in den Golf hinaus ergänzt, auf der sofort 1500 Villen zu stehen kamen, der Anblick von nichts als Wasser hatte keine Zukunft und war ihm ungustiös. »Wo sich bisher Fuchs und Hase Gute Nacht sagten«, der andere Halbsatz, ist endemisch. Er hat etwas Hypnotisierendes und gellt handlungsbereiten Bürgermeistern wie dem von Hofgeismar mahnend ins Ohr, solange es auf seinem Stadtgebiet noch ungenutzte Gutenachtgegenden gibt, auf die man längst zugreifen hätte sollen, aber endlich kann man den halben Satz doch ergänzen und aus dem enervierend stillen Reinhardswald ein »Ferienressort« machen, in dem Schluss ist mit den tierischen Begrüßungsritualen. Viele Hotels, noch viel mehr Apartments, künstliche Seen, Trabrennbahn, Golfplätze, Arbeitsplätze.

Der Bürgermeister von Hofgeismar und der Emir von Dubai wissen, dass ihre Projekte nur über die Umwegrentabilität eine weitere CO2-Vermehrung erbringen, aber sie verzagen nicht; eine wunderbare Zuversicht im Bürgermeister weiß, dass im Umkreis seines Ferienressorts 82 Millionen Besucher wohnen, die darauf brennen, angefahren zu kommen, wenn sie nicht gerade unter der Führung des ADAC zu einem der 60 Vergnügungsparks unterwegs sind, die 82 Millionen wissen ja schon nicht mehr, wohin sie die Ausstoß- und Wachstumspflicht zuerst ruft.

Man kann in Fußballplätzen oder in Hektaren rechnen, es ist egal, bei ungefähr gleichbleibendem Umgang mit den Hektaren wird in etwa 700 Jahren die ganze Gegend ohnehin ihrer baulichen Bestimmung zugeführt sein, wenn es die Temperatur dann noch zulässt, was aber fraglich ist. Vielleicht geht es auch schneller, weil die Alpen und das Fichtelgebirge und ähnliche Gegenden der Bebauung wenig bieten und als Betongegend nicht ins Auge gefasst werden können, oder es geht noch schneller, und man hört, wenn es zu heiß wird, einfach auf damit und heizt natürlich auch nicht mehr. Aber immer sind die Anstrengungen zur Beschleunigung bewundernswert. Die Vergnügungsparks verdienen, wie ganz allgemein, so auch bei der Gegendplanierungsbeschleunigung speziell erwähnt zu werden. In der Konkurrenz mit den Ferienressorts der Bürgermeister können sie auf das ihnen zustehende Naturrecht auf Ausbreitung bauen.

»Ein Freizeitpark muss die Möglichkeit haben zu wachsen«, das weiß der Geschäftsführer des Vergnügungsparkverbands, und also expandieren aus Süden und aus Nordwesten zwei dieser Parks in fortdauerndem Wachsen und Gedeihen zügig aufeinander zu und würden bald aneinander grenzen, wenn man nicht dazwischen eine Lücke für eine vierundsechzigspurige Autobahn gelassen hätte, auf der die Besucher den Stau dazu nutzen und schon einmal mit dem Fernglas das berühmte neue Fahrgeschäft beobachten, mit dem jeder der beiden Vergnügungsparks in jeder Saison Aufmerksamkeit zu erregen gezwungen ist. In den Wohnmobilen vor einem und hinter einem und links und rechts und auf den Gegenfahrbahnen harren inzwischen der Kruxenrucksack »Trekker«, die E27-Camping-Elektrokühlbox, das Wohnwagenvordach »Bornholm« und die Frischwasser-Spültoilette (Luxusmodell) für den Campingurlaub ihrer Verwendung. Am Stauende haben wir unsere Lastzugflotte mit der Mineralwasserreserve stehen, der wir allein durch das Verbrauchen umweltfreundlichen Mineralwassers ebenfalls Wachstum und CO2-Ausstoßvermehrung ermöglicht haben. Der Wunsch, Europaparkbesucher bei Rust zu werden, steht über allen Wünschen. Jean Paul hat zwar gesagt, dass der Mensch anfangs in die nächste Stadt, dann auf die Universität, dann nach Weimar und endlich nach Italien oder in den Himmel wolle, Italien und der Himmel sind aber nur die vorletzten der Seligkeiten.

Auf dem Terrain, das dann noch übrig ist, wird man auch weiterhin den regsamen und volksnahen Landrat erleben dürfen, wie er seine ersten Spatenstiche zu neuen Sommerrodelsportforschungszentren und zu Wintergolftrainingszentren macht und die Bautätigkeit anwirft und den zehntausendsten Wanderparkplatz im Naturschutzgebiet einweiht. Aber auf ganz besonders nette Weise werden sich bald Gewerbe, Industrie und Klimaschutz versöhnt und die Gegend mit Windenergieanlagen, Solarmodulen, Solarkraftanlagen und Umweltversandhäusern erfüllt haben. Der Waschbär-Umweltprodukt-Versand stellte sich schon vor Jahren als ein »stark expandierendes Unternehmen mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten« vor, zog konsequenterweise ins Gewerbegebiet und versendet von dort, der Umwelt zuliebe immer expansionsgesinnt, das Dinkelkissen, den Auto-Entfeuchter, den Fugen-Radierer und den Trockensack. Einige Klimaschützer sind auch Windenergieparkbetreiber geworden und können, was das Unternehmerische und Expandierende betrifft, sogar dem Europaparkbetreiber Mack das Wasser reichen, und wie alle normalen Unternehmen haben auch sie ihre Überkapazitäten, ihren Preisverfall, ihre Finanzierungsschwierigkeiten und ihren Personalabbau. Und jeder, dem das Klima etwas bedeutet, begrüßt, dass sich der wahre Unternehmergeist, der Klimaschutzunternehmergeist, der Angelegenheit angenommen hat und dass zum Besten des Klimas expandiert, fusioniert, gehauen, gestochen, global operiert und Energie verbraucht wird wie bei jedem anderen richtigen Unternehmen.

Entscheidend für alle unternehmerischen Pläne zugunsten des Klimas ist die Überzeugung, dass unangenehme Neben- oder Gegeneffekte ausgerechnet diesmal nicht befürchtet werden können und dass das Evolutionsprinzip, wonach »jeder neuen Errungenschaft auch neue Probleme folgen« (Riedl), im industriellen Klimaschutz natürlich nicht gilt. Aber natürlich gilt der Satz »Voraussicht ist kaum gegeben«, weil ein Unternehmer, von dieser Voraussicht geplagt, alle Umtriebigkeit stante pede einstellen würde. Die Branche wächst, wenn nicht gerade Wirtschaftskrise ist, aber eigentlich auch dann, jährlich um 50 Prozent, die Entwicklung ist nicht etwa windig, sondern »stürmisch«, und »der Wachstumskurs muss oberste Priorität haben«, auch für Thomas Richterich von der Windenergieanlagenherstellerin Nordex AG, der einerseits Deutschland mit dem »dichtesten Netz von Windrädern« schon vollgestellt weiß, andererseits deswegen nicht die Zuversicht verliert.

Václav Klaus behauptet, man brauche viereinhalbtausend Windkraftanlagen, wenn man von ihnen so viel Strom haben wollte wie von einem einzigen Kernkraftwerk, und jedes dieser Windräder müsse einen Betonsockel haben, der allein 1400 Tonnen schwer sei, es ist also viel zu tun für Nordex und für Siemens Renewable und all die anderen gut Aufgestellten, und man wird noch viele klimafreundliche Windenergieanlagen in das Land und natürlich auch in das Meer drücken müssen. Man wird dabei die Voltaikkraftwerke zu erbitterten Gegnern bekommen, von denen jedes etwa einen Quadratkilometer groß sein sollte, um weiterwachsen zu können. Irgendwo dazwischen drängeln schließlich die Biomasse- und Biodieselerzeugungsunternehmen, deren CO2-Ausstoß aber bewusst nicht mitgezählt wird, weil die Biomasse erst kurz zuvor in ihrem Leben als Pflanze sich fahrlässigerweise noch CO2-mindernd verhalten hat und jetzt mit der Vokabel »klimaneutral« bestraft werden muss.

Nur die Fledermaus, entnimmt man Current Biology, hat wieder nichts zu lachen. Sie ist zwar zu schlau, um sich von den Windrädern erschlagen zu lassen, aber zu töricht, um den Luftdruckabfall um die sich drehenden Rotoren vorauszuahnen; sie zieht sich ein Barotrauma zu, von dem ihre kleinen kugelförmigen Lungenbläschen platzen; sie erleidet fledermausadäquat winzige innere Blutungen, die aber ausreichen, um ihr Fledermauskörperchen entseelt auf den Beton stürzen zu lassen. Bat Fatality am Windrad. Man versucht als Fledermaus, im Zusammenleben mit dem Menschen auf alles gefasst zu sein, er hat aber dann doch immer eine Überraschung für einen. In den Obduktionsbericht sollte die mitfühlende Bemerkung Eingang finden, dass die Mäuschen nur noch wenige Sekunden gelebt und nicht gelitten haben. Anders die Vögel, deren Lungenbläschen, mehr länglich, dem Druckabfall trotzen; dafür reicht aber die Vogelschläue nicht hin, um einen Aufprall zu vermeiden, womit sich die Chancengleichheit der fliegenden Fauna vor der klimafreundlichen Energiegewinnung wieder herstellt. Die Windenergieanlagenindustrie ist über solche Kollateralwirkungen des Klimaschutzes tief betrübt, aber sie muss darauf verweisen, dass das der Lauf der Welt ist und dass im Straßenverkehr zur Zeit noch viel mehr Tierkörperchen zu Boden fallen als bei der klimafreundlichen Energiegewinnung . . .

Und dann sind da zwischen den Windenergieanlagen, den Solarkraftwerken, den Vergnügungsparks, den Ferienressorts, den Lande- und den Autobahnen noch die klimapolitisch wertvollen Eigenheime der ökologischen Zukunft, bei denen es wie mit allem anderen ist: Sie brauchen immer weniger Energie, deswegen muss man immer mehr davon bauen, wenn man trotzdem ein Wachstum erzielen will. Es sind die Eigenheime mit »überzeugender Energieeffizienz« der Firma Baufritz, die da die Räume endgültig eng machen werden, wo jetzt noch ein paar Wäldchen wachsen. Sie werden wegen ihrer »vorbildlichen CO2-Bilanz« und noch mehr wegen ihrer »intelligenten CO2-Bedarfsbelüftung« begehrt sein und am allermeisten wegen ihrer »natürlich temperierten Wein- und Champagnerkeller« und wegen ihres »Wellness-Bereichs, der den Hausbewohnern mit Sauna, Nasszelle und Ruheraum zur Verfügung steht« und in den man sich wie in einen Luftschutzkeller zurückziehen wird können, wenn es Ernst wird, womit die Vokabel »Luftschutz« auch endlich ihre korrekte Bedeutung bekäme.

Der Weltuntergang könnte bei so schönem Verlauf der industriell-klimaschützerischen, CO2-bedarfsbelüfteten Zukunft ein etwas verlangsamter, aber völlig korrekter und verantwortungsbewusster werden. Er wäre nur etwas mühselig und langweilig, weil dem reinen CO2-Ausstoß zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, der von alleine weiterwachsen müsste, worauf man aber vertrauen dürfte, auch schon, weil die Chinesen und Amerikaner sich da nicht zweimal bitten lassen, die noch nicht das schlechte Gewissen haben, wenn sie ihre Fernseher aus Versehen einmal nicht sofort ausschalten. Die Chinesen tun etwas für den Ausstoß, und auch auf der arabischen Halbinsel versteht man noch, die Milliarden in das Öl und damit in den Ausstoß zu investieren.

Und das gesunde Unternehmerische, es ist kein bisschen tot: das kühne und immerfort Vorwärtsblickende, wahrhaft Glücklichmachende, Erdöl, CO2 und Wärme Schaffende, das die OTC und den Verres beseelte und auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie beseelt, wenn es auf die Manganknollen blickt. Eben jetzt gelingt diesem Unternehmerischen, was keiner zu hoffen gewagt hat: die Befreiung der Arktis aus der Umklammerung des Eises, und wir können sagen, wir sind dabei gewesen. Dieses Eis, das im vergangenen Sommer täglich um ein finnisches Drittel und alle drei Tage um ein ganzes Finnland oder Polen oder Deutschland zurückweichen musste, ist bis heute der Fortschaffung der überaus großen Öl- und Gasmengen unter ihm im Weg gewesen, die der Mensch, wie jeder einsehen wird, dort nicht lassen darf. Er wird ihrer habhaft werden mit einer Methode, die wir aus dem Kartoffelanbau kennen, wo der Kartoffellandwirt eine Menge Kartoffeln vergräbt, um später eine noch größere Menge auszugraben und zu verkaufen oder selber zu essen. Es funktioniert anscheinend immer.

Man hat also, frei nach dem Vorbild des Kartoffelvermehrers, über die Jahrzehnte eine Menge Erdöl nicht vergraben, das wirklich nicht, im Gegenteil, aber was der Kartoffelanbauer vergraben hat, haben wir als CO2 ausgestoßen, in der Hoffnung, eines Tages eben dadurch extra viel ernten, ausgraben und ausstoßen zu können, und haben, allein durch Ausstoßen, erreicht, dass wir tatsächlich noch unendlich viel mehr Erdöl, Arktiserdöl, ernten und als CO2 ausstoßen können, als Frucht des jahrzehntelangen, geduldigen und hoffnungsvollen Ausstoßens. Die Arktisanrainerstaaten müssen nur noch unter sich den Schwur leisten, kein Barrel Öl unter der Arktis zurückzulassen, und der Weg in die CO2-Zukunft ist frei. Bei Crichton glauben die Menschen weiterhin nicht recht an die Klimaerwärmung, sie lassen aber mit sich reden: »Und selbst wenn sie ein reales Phänomen wäre, wäre sie wahrscheinlich unterm Strich für den größten Teil der Welt von Vorteil.«

Demnächst wird man die verschiedenen CO2-Vorteile gegeneinander abwägen können. Alle werden jedenfalls des Vorteils genießen können, hinterher nicht wie noch Herr Schwerdtlein in einem »ewig kühlen Ruhebette« ruhen zu müssen, sondern ein vorgewärmtes vorzufinden, vorausgesetzt, die Bestattungsunternehmer arbeiten dann noch und verpennen nicht das Geschäft ihres Lebens.

© Merkur, Nr. 728, Januar 2010

 
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