© Merkur, Nr. 712/713, September/Oktober 2008 (www.online-merkur.de - Inhaltsverzeichnis dieses Heftes)
 

Zu diesem Heft

Das Neue ist immer und überall. Aber: Ist es als solches überhaupt zu erkennen? Es ist auch nicht ausgemacht, was häufig als selbstverständlich unterstellt wird: dass das Neue das Bessere sei. Und wenn es das denn sein sollte, so war es doch bis vor wenigen Jahrhunderten üblich, das bessere Neue als das wahre Alte zu präsentieren, als Rückkehr zum Ursprünglichen, das sich im Laufe der Zeit nahezu ins Gegenteil verkehrt habe: Verwirrend und ambivalent ist der Umgang mit dem Neuen während der längsten Zeit der menschlichen Geschichte gewesen.

In der Renaissance entstand eine Gier nach Neuem, ein systematisches Suchen, ein Finden- und Erfindenwollen: Das Neue und die Sucht danach steht am Beginn der Moderne. Das Neue und Bessere, meinte man von nun an, lasse sich sogar technisch und wissenschaftlich produzieren – unaufhörlicher Fortschritt schien möglich. Dieser Prozess setzte in Europa ein und bildete die Voraussetzung für die europäische Eroberung der Welt, mit Waffen und mit Ideen. Aufklärung und Imperialismus, Kapitalismus und Demokra­ tie – das eine wie das andere ist Produkt desselben europäischen Könnens-Bewusstseins und Gewinnen-Wollens.

Doch das Prinzip des Agonalen, diese unbändige Lust an Kampf und Wettbewerb, wie sie uns von der griechischen Antike überkommen ist, hat an Faszination verloren. In der Alten Welt überwiegen die Skeptiker die Befürworter des Fortschritts. Bewahren lautet das Motto, Veränderung wird mehr und mehr als bloßes Risiko wahrgenommen: Gerade die einstigen Verfechter des Neuen und des Fortschritts, die Linken, gebärden sich als die wahren Konservativen. Von der Wirklichkeit eingeholt wurde der Widerspruch Walter Benjamins zu einem Satz von Karl Marx: Revolutionen seien nicht die Lokomotiven der Weltgeschichte, sondern der Griff des Menschengeschlechts nach der Notbremse – Stillstand als (linke!) Utopie.

Europa scheint wieder ein sehr kleiner Teil der Welt geworden zu sein. Die Welt aber kann dem konservierenden und konservativen Grundgedanken der Klima- und Schöpfungsretter schon deswegen nicht anhängen, weil man im Unterschied zum Westen eben nicht saturiert ist. Statt »Ich will so bleiben, wie ich bin« ist die Devise der aufstrebenden Gesellschaften Asiens »Höher, schneller, stärker«. Dass der olympische Leitspruch, in Griechenland geboren, in diesem Jahr in China herrscht und von China beherrscht wird, ist mehr als ein amüsanter Zufall.

Wenn das Neue, das Grundmotiv des europäischen Denkens, in Misskredit geraten ist, so hat das gute Gründe. Irrig aber wäre die Ansicht, dass unsere Scheu, unsere Vorsicht, unsere Ängstlichkeit ein Vorbild, ein neues Paradigma werden könnten. So wie die Neugier eine anthropologische Universalie ist, so ist die Gier nach dem Neuen nur um den Preis geistiger Bescheidenheit, ja Beschränktheit der Welt, wie wir sie kennen, auszutreiben. Der Fortschritt mag, in den Worten Nestroys, immer kleiner sein, als er ausschaut – das Prinzip des Neuen verliert dabei nichts von seiner Währung, besonders nicht angesichts des aktuellen religiösen und ökologischen Frömmlertums.

Die ersten vier Beiträge des Heftes bilden eine zeitdiagnostische Einführung ins Thema. Dieser folgt eine Sequenz, die von der griechischen Polis bis zur Renaissance die historische Basis legt. Dem schließen sich sechs philosophische und komparatistische Reflexionen über Neugier und ihren Ausdruck in unterschiedlichen Kulturen an. Das Neue in den Koordinaten der Zeit – von Stagnation und Zyklik über Tradition und Modernität bis zur »Sattelzeit« – setzt einen weiteren Schwerpunkt. Die letzte Handvoll der Beiträge befasst sich mit etwas unseriösen Gegenständen wie Mode und Handys, wenn sie nicht gleich selber literarisch oder gar fotografisch das Thema angehen.

Will das Heft ein Plädoyer für das Prinzip des Neuen, für die Kapazität der Neugier halten? Durchaus. Aber unter einer Voraussetzung: dem Bewusstsein, dass es sich um ein gemischtes, ja dialektisches Prinzip handelt. Das Alte bleibt immer präsent, die Sehnsucht nach ihm ist geradezu die Bedingung des Neuen in der Moderne, wie es nicht zuletzt die großen Dichter wussten: Baudelaire, der Begründer des Neuen in der Poesie, erkannte melancholisch den Widerspruch zwischen dem faktisch Neuen und der Anciennität des menschlichen Herzens.

K. H. B. / K. S.

© Merkur, Nr. 712/713, September/Oktober 2008

 
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